LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Wir als Opfer unserer Selbst

Lethargie. Der Duden sagt dazu: „Zustand körperlicher und psychischer Trägheit, in dem das Interesse ermüdet ist“. Nun, die Gesellschaft befindet sich in einem Zustand der Lethargie, die schon über eine lange Dauer anhält und die so bald nicht enden wird. Dieser Interessenlosigkeit ein Ende zu setzen, bedeutet Opfer zu bringen. Opfer bringen, um nicht selbst Opfer zu werden. Opfer der Daseinsvergessenheit. Doch der Reihe nach.

Im Großen wie im Kleinen macht sich diese Trägheit bemerkbar, die teilweise von einer derartigen quälenden Absurdität ist, dass man, wenn man darüber nachdenkt, geneigt ist, sich selbst ihrer hin zu geben und dem Gang der Geschehnisse seinen Lauf zu lassen. Die ganze Weltgemeinschaft wird es mittlerweile mitgekriegt haben: Um dem Weltklima überhaupt noch irgendeinen natürlichen Verlauf zu gewähren, müssten wir alle – Staaten, Konzerne, Bürger – mehr denn je unser Verhalten ändern. Dies geht mit Risiken und Unbequemlichkeiten einher, das Interesse an Wirtschaft und der Erwartung an den eigenen Luxus überwiegt den Gedanken an eine tatsächliche Minderung des ökologischen Fußabdrucks. Das Problem mit dem Lobbyismus sei an dieser Stelle nur in aller, seinem Ausmaße nicht gerecht werdender Kürze erwähnt. Geld, Gier, Macht – der Egoismus macht nicht halt, auch wenn Entscheidungen im Raum stehen, die nicht das Ego sondern die Allgemeinheit betreffen, sei dies nun im Bezug auf Waffenhandel, Pharmazeutika, Nahrungsmittel oder etwa Drogen, die Liste ist endlos.

Etwaige Staaten sponsern intransparente Geschäfte, Konzerne vergeben dubiose Gelder, ein erneuter Skandal, erneutes Achselzucken, alles weiter wie bisher. Es werden die gleichen Automarken gekauft, ein jeder braucht ein teures Smartphone, die Kaffeemaschine, das Wasser stammt vom ausbeuterischen Konzern, ja, bekannt, ja, egal. Ökostrom – unbedingt. Oder doch nicht, denn nicht in meinem Garten! Flüchtlinge aufnehmen, den armen Menschen muss geholfen werden. Unsere Gemeinde? Nein, kein Platz, sorry.

Und so scrollt der Mensch weiter, sitzt abends gemütlich auf der Couch und gönnt sich Netflix, beschwert sich über seine Arbeit, isst, trinkt, und raucht zu viel. Die Politiker geben sich nicht die Blöße, werfen dem Image zu liebe mit großen Worten um sich herum, denen keine großen Gesten folgen. Wie kann das bitte sein? Wie kann es bitte sein, dass trotz aller Bemühungen, auf die Parallelen des bisher die Menschheit bereits Heimgesuchten hinzuweisen, dies uns allen egal ist? Dass wir in allerschlimmster Naivität extremistischem Gedankengut gegenüberstehen, vielleicht den Kopf schütteln, weitergehen, weiterscrollen. Wir handeln nicht mehr, wir nehmen kaum noch wahr. Politische Morde werden zur Normalität, Antisemitismus, Rassismus, alles nimmt momentan weiter zu, sogar in öffentlichen Positionen. Und wir? Schulterzucken, weiterscrollen. Wachsam sind wir schon lange nicht mehr, können Informationen nicht mehr von lustigen Katzenvideos unterscheiden, nehmen hin, leben gerne normal, zivilisiert, unaufgeregt. Umschalten, weiterscrollen, zu Bett gehen – und bitte wieder genauso von vorn. Jede Minute wird versäumt, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen, zu handeln, sich aufzuregen, endlich zu erkennen, dass es nicht weitergehen kann, wie bisher!
Wir leben in unserer Kruste, wie der französische Denker Gabriel Marcel (1889–1973) es wohl ausdrücken würde: „Es ist im Grunde so, als ob jeder von uns eine immer härter werdende Kruste absonderte, die ihn einschließt, und diese Verkalkung ist gebunden an die Verhärtung der Kategorien, nach denen wir die Welt uns vorstellen und sie um uns kreisen lassen.“ Der Mensch findet sich mehr und mehr in ‚seiner‘ Welt, in der er persönlich das ordnet, was ihm wichtig erscheint, für was er Verantwortung übernehmen möchte und was er gerne aus seinem Weltbild ausklammern würde. Wir verschließen uns vor dem, was uns eigentlich ausmacht: vor unserem Dasein. Das Dasein stellt Anforderungen an uns als Individuen. Wir müssen Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, uns entwickeln, unsere Grenzen überwinden, Projekte starten und unser Leben lebenswert gestalten. All dies ist uns möglich, wir haben das große Glück frei in unseren Entscheidungen zu sein – wenn wir es denn wagen, uns aus unserer Kruste und dem selbstgeschaffenen goldenen Käfig zu befreien. Verharren wir naiv und lethargisch in unserem Alltag, lassen uns von Neigungen und Gewohnheiten leiten, hört unser Dasein auf – Angst, Unruhe, Unzufriedenheit und Gier nach Bestätigung färben dann das Bild unserer Existenz. Dabei ist einem jedem das gegeben, was er braucht: Authentizität – die Möglichkeit „Ja!“ zum eigenen Dasein zu sagen, mutig zu sein und sich für eine bessere Welt tatkräftig zu engagieren, der Hypokrisie den Kampf anzusagen und sich zu behaupten! Ich will nicht zu der Generation gehören, die träge in die Glotze starrte und dem Untergang der Welt, der sich doch bereits an so vielen Fronten bemerkbar macht, nur mit Schulterzucken entgegengaffte. Mut zur Handlung, Mut zum Aufschrei, Mut zur Unbequemlichkeit, Mut, das eigene Lebensbild zu hinterfragen und die Augen weit zu öffnen, um der wahren Existenz entschlossen entgegen zu treten! Es ist möglich und mit Sicherheit dringend notwendig!