NIC. DICKEN

Die Tatsache, dass wir uns an dieser Stelle mit dem Ableben des als Starkoch bezeichneten französischen Gastronomen Paul Bocuse befassen, mag für manchen eingefleischten Leser dieser Zeitung auf Anhieb etwas befremdlich wirken.

Nun ist es aber leider so, dass mit dem Hinscheiden des kulinarischen Großmeisters aus Collonges-au Mont-d’Or die Welt des guten Geschmacks ein Stück ärmer geworden ist.

Das kann und konnte man in dieser Form beim Ableben von hochgestellten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Sport nicht immer so pauschal behaupten. In einer Zeit der zunehmenden Profanisierung von Nahrungsmitteln durch regelrecht industrielle Herstellung und maschinelle Verarbeitung hatte Paul Bocuse ein deutliches Zeichen gesetzt in Richtung Respekt vor dem Wert der menschlichen Lebensgrundlage.

Kaum einer hat besser verstanden als er, dass Nahrungsmittel auch Genussmittel sein können, wenn man sich mit Respekt, Verstand und Fachkenntnis um nachweisbare Herkunft und sachgerechte Verarbeitung bemüht.

Begriffe von Qualität und Authentizität, um die sich Paul Bocuse mit der Schaffung der „nouvelle cuisine française“ in der ihm eigenen Art und Weise einzusetzen vermochte, riskierten schon in den vergangenen siebziger Jahren unter die Räder zu kommen.

Wir stellen heute fest, dass diese Gefahr nach wie vor nicht ganz gebannt ist und die meisten Menschen bei der Auswahl ihrer Lebensmittel viel mehr Wert legen auf den günstigen Preis als auf artgerechte Herstellung und angemessene Zubereitung.

Bocuse, bis zum Schluss von seinen Mitarbeitern als „Monsieur Paul“ gewürdigt, hat nicht nur große Verdienste um seine Region und um die gastronomische Stellung seines Landes erworben, seine Botschaft, die des einfachen und guten Geschmacks, hat weltweit Interesse und Nachahmung gefunden.

Der mit zahlreichen Superlativen ausgezeichnete Bocuse war aber nicht nur ein Virtuose am Herd und an den Töpfen, er war auch Philosoph, kompromissloser Prediger des guten Geschmacks, der nie seine Wurzeln vergessen und sich stets eingesetzt hat für eine Würdigung der hochwertigen Produkte aus jener Gegend, aus der er selbst stammte.

Damit hat er weit über die Grenzen der „Grande Nation“ hinaus Zeichen gesetzt.

Viele seiner Kreationen sind zu echten Klassikern der gehobenen Gastronomie geworden.

Sein Ziel war genau so einfach wie anspruchsvoll: Eine ehrliche Küche, die sich vor allem an der Qualität der Zutaten ausrichtet und auf die handwerkliche Kunst der Zubereitung baut. Die von ihm geforderte und geförderte fachliche Kompetenz hat weltweit als Ansporn und Maßstab für den guten Geschmack gedient und Generationen neuer Küchenchefs inspiriert.

Paul Bocuse hat unendlich vielen Menschen Genuss und echte Freude vermittelt.

Viel mehr kann man von einem Menschenleben nicht verlangen.