Der scheidende NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hinterlässt den Mitliedstaaten des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses eine klare Botschaft: Aufrüsten, um sich stärker zu machen für die Verteidigung der osteuropäischen Mitgliedstaaten gegen eine mögliche Aggression von Vladimir Putin zwecks Rückgewinnung ehemaliger Bündnisstaaten des Warschauer Paktes, die nach dem Mauerfall und der Auflösung des ehemals kommunistischen Verbundes - auf nachvollziehbare Weise - die Nähe und Partnerschaft der westlichen Bündnisse suchten.

Dass mit der Aufnahme der baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen, von Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien in das westliche Verteidigungsbündnis einseitig Grenzen überschritten und 1989 getroffene Vereinbarungen gebrochen wurden, die den russischen Einfluss auf diese Länder nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch mindern sollten, wurde nie wirklich in Frage gestellt.

In den letzten 25 Jahren wurde die NATO konsequent in Richtung Russland erweitert. Es hat in diesen 25 Jahren nicht einmal ansatzweise einen Versuch gegeben, von Moskau aus die eigene Interessensphäre Richtung Westen zu erweitern bzw. neu auf zu bauen. Wenn jetzt von Provokation und Aggression im Zusammenhang mit Russland und Ukraine die Rede geht, dann sollten sich gerade die, die am lautesten schreien, einmal selbst in den Spiegel sehen und sich fragen, was sie in dieser Zeit für das „appeasement“, für die Beseitigung alter Konflikte und den Aufbau neuer Freundschaften und Partnerschaften, für eine echte Befriedung nach fast 45 Jahren Kaltem Krieg getan haben.

Wer von der Europäischen Union als Friedensprojekt redet und gleichzeitig die wirtschaftliche, politische und zuletzt jetzt auch militärische Aufrüstung in Osteuropa unterstützt, muss sich um seine Glaubwürdigkeit ernste Sorgen machen. Die Menschen in der Ukraine haben in der ersten Jahrzehnten nach der Auflösung der ehemaligen Sowjetunion nur sehr wenig Hilfe und Verständnis seitens EU und NATO erfahren. Die schleppende Entwicklung in Rumänien und Bulgarien, die am EU-Fleischtopf bislang nur sehr wenig genesen sind, dürfte sie auch der Tatsache belehrt haben, dass Wohlstand sich nicht herbei zaubern lässt. Auf Zustände wie in Westeuropa würde die Ukraine noch lange warten müssen. Besonders in der Ostukraine - von der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein zum russischen Kernland gehörenden Krim nicht zu sprechen - fühlen sich große russischstämmige Bevölkerungsanteile logischerweise immer noch mehr ihren „Brüdern“ im Osten als ihren „neuen Freunden“ im Westen verbunden.

Der Versuch einer einseitigen Loslösung der ukrainischen Bevölkerung aus diesen menschlichen, familiären und kulturellen Verbindungen war nicht nur ein Fehltritt, sondern musste als Affront empfunden werden. Diesen „faux-pas“ nun mit zusätzlicher Aufrüstung zu rechtfertigen, grenzt an Schizophrenie. Echte Gesprächsbereitschaft hilft eher weiter als Aufrüstung, die jeden Annäherungsversuch untergräbt und den finanziellen Spielraum für humanitäre Hilfe unmöglich macht.