LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Wir verlieren uns

Die Existenz des wahren Selbst versteht sich nur in unverblümter Ehrlichkeit. In schnörkelloser Aufrichtigkeit und im Leben für die Wahrheit. Im Drang nach Wissen über die Mysterien unseres Daseins erschließt sich uns ein Weg, der uns zu uns selbst führt. Dieser Weg mag kein einfacher sein, es verlangt aktive Selbstreflexion und weit geöffnete Augen, die das um uns herum studieren. Mit Achtsamkeit geschulte und geführte Vernunft kann den Menschen dahin führen, wo er sich zu sein wünscht: in die Freiheit.

Im Denken eröffnen wir uns Mittel, die Situationen der Gegebenheit zu analysieren, herauszufinden, was uns eventuell von der Wahrheitsfindung abhält, welche Einflüsse Macht über uns ausüben, und inwiefern uns unser Leben davon abhält, uns selbst zu sein. Karl Jaspers (1883–1969), deutscher Psychiater und Philosoph, widmete seine späten Reflexionen unter anderem genau dieser Problematik: das Problem der Widervernunft, dem Akzeptieren der Unwahrheit, der stetig wachsenden Täuschung und Zerstreuung, der Abkehr vom eigentlichen Lebensinhalt zu Gunsten des geheimnisvoll Erscheinenden, des magisch und abenteuerlich Daherkommenden, bis hin zur Hingabe in blindem Gehorsam zur selbstverräterischer Führung. Führend werden die Mythen, seien es Dogmen, Phantasmen, Vernunftlosigkeiten – verkörpert durch Besessene, die Bewunderer und Gehorsame suchen, deren eigene Inszenierung über jede Sachlichkeit und Wahrheit gestellt wird. Jaspers nennt sie die Zauberer, deren Macht ein gravierendes Wachsen der Unvernunft bedingt. Würde Jaspers heute noch leben, er täte sich sehr schwer damit, in der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Situation die Ruhe zu bewahren. Doch hielt er die Hoffnung stets hoch: In jedem Augenblick kann man sich auf den Weg der Wahrheit machen, man muss die Spannung aushalten, so aussichtslos die Situation auch scheint. Solange man am Leben ist, kann geistig gewirkt werden, um das eigene Potenzial zu entdecken, um seine Kraft zu finden, um schrecklichen Ereignissen gewappnet entgegenzutreten. In jedem Moment kann der Mensch den Entschluss wagen, durch seine Vernunft sich selbst und den Sinn des Selbst erfahrbar zu machen.

Der Drang zu Fake News, zu steter Reizüberflutung und gar gedankenloser Übergabe der eigenen Persönlichkeit in die Hände mächtiger Datenkonzerne docken an diese Umstände an, die von Jaspers in abstrakter Form beschrieben werden. Wie kann es sein, dass der Mensch sich mit Kopfnicken und blindem Anklicken die Zügel aus der Hand nehmen lässt? Warum drängen wir auf das stete Mehr, das Teuere, das noch Intensivere? Fahren trotz Klimawandel zu oft Auto, scrollen trotz Zeitverschwendung unendlich lange durch Facebook, rauchen trotz Krebsrisiko munter weiter, interessieren uns in gefährlichen Zeiten weiterhin kaum für Wahlen, Politik, Europa? Wie kann es sein, dass wir Bildungsniveaus herabsetzen, obwohl es Zeit dafür wäre, wieder Exzellenz und Kompetenz auf die Bühne zu stellen, anstatt Trumps und Bolsonaros zu preisen? Wer kann vernünftig erklären, warum weiter Waffen an die Saudis geliefert werden, obschon der Friede als heilig beschworen wird? Wir rümpfen die Nase über katholische Dogmen, glauben jedoch blind dem Kommerz, Finanzexperten, politischen Absoluten, seien diese vom Markt- oder Staatenfetisch geprägt.

Es ist die Selbstverlorenheit, die entweder in blinder Gefolgschaft oder ständig wachsendem Hunger nach Macht gipfelt. Indem wir uns nicht mehr mit dem uns Wesentlichen beschäftigen, unserer Existenz, verlieren wir uns in Ablenkung und geben unsere Freiheit der Zauberei preis. Das Hinterfragen seines Daseins kann unangenehm und anstrengend sein. Es setzt das aktive Denken voraus, den kritischen Umgang mit sich selbst. Dass einem dadurch auch Momente auffallen, in denen sich unvernünftig, wider des besseren Wissens verhalten wird, schmeckt nicht jedem. Dass diese dem Selbst zuliebe geändert werden müssten, wird gerne ignoriert. Anstatt uns demnach zu fragen, was gut für uns wäre, warum wir hier sind, und wie wir mit uns selbst und inmitten unserer Gefährten bestmöglich unser Leben zu Gunsten unser aller und unserer Umwelt leben könnten, geben wir diese Freiheit auf. Die Freiheit, die im Denken ihre Genese findet, wird durch das Akzeptieren von Machtgebilden, Meinungen und Absolutismen, sowie auch kommerziellen Strukturen die eigene Unfreiheit gefördert. „Dann, wenn man nicht mehr aus Freiheit lebt, weiß man bald nicht mehr, was sie ist“, schreibt Jaspers. Alltägliche Beobachtungen geben ihm erschreckend oft recht. Wir flüchten vor uns selbst in Verneblung, in irgendwelche Interpretationen, die uns günstig erscheinen. Doch darin werden wir nie Zu-frieden-heit und Freiheit finden, denn diese hohen Güter finden sich genau an dem Ort, von dem wir uns massenhaft abwenden: in der Wahrheit, in der Vernunft, in uns selbst. Zu jeder Zeit kann sich entschlossen werden, wieder zu denken, Wahrheit wissen zu wollen, diesen Weg einzuschlagen und ihn zu gehen. Gehen Sie mit?