Der vom neuen „Wort“-Chefredakteur in Aussicht gestellte Vorsatz, die Zeitung nach objektiven journalistischen Kriterien und nicht etwa nach ideologischen Gesichtspunkten und Vorlieben auszurichten, hat den ersten Monat nicht überdauert. Weder journalistische Objektivität noch ein Mindestmaß an Fairness hat gelten lassen mit den jüngsten Auslassungen über die fachliche Kompetenz des designierten neuen Finanzministers, dessen Urteilsvermögen in Wirtschafts- und Finanzfragen bislang keinen Anlass zum Zweifel geliefert haben.

Es ist geradezu unverfroren, wenn der maßgebliche Redaktionsleiter einer Zeitung, deren Verlagshaus aufgrund von katastrophalen unternehmerischen Fehlentscheidungen in den letzten Jahren rund zwei Drittel seiner Belegschaft eingebüßt hat, die Berufstauglichkeit anderer in den Dreck zieht, ohne dass diese auch nur ansatzweise ihre Tauglichkeit für den neuen Job hätten unter Beweis stellen können.

Aber hätte man sich wirklich eine andere Reaktion erwarten können von einer Verlagsgruppe, die trotz allem weiterhin an ihrer Führungs- und Vormachtrolle festhalten will? Wo blieben die Kritiken in dieser Zeitung, als über mehr als zwei Jahrzehnte wirtschaftlicher Blütezeit hinweg unter Federführung von CSV-Ministern die Arbeitslosenzahlen ständig nach oben gingen und konkrete Ursachenbekämpfung erst einsetzte, nachdem man den Posten des Beschäftigungsministers wie eine heiße Kartoffel an den Koalitionspartner weitergereicht hatte? Wie gut haben „Finanzkoryphäen“ gewirtschaftet, die beim ersten Sturm nach einer jahrzehntelangen Blütezeit des Finanzplatzes das Land mit einer unter den gegebenen Umständen unverantwortlichen Schuldenlage zurückgelassen haben?

Sollte, ja muss man nicht gerade in solchen Situationen auf gute, auf beste Kräfte zurückgreifen? Wo denn, bitteschön, lagen die Erfahrungswerte eines jungen Finanzministers in den 80er und 90er Jahren, der ständig aus dem Vollen schöpfen und nach persönlichem Gusto die von versierten und tüchtigen Wirtschaftsakteuren verdienten überschüssigen Milliarden gönnerhaft verteilen konnte?

Die Unterstellung ungenügender fachlicher Kompetenz muss sich der neue Lenker am finanzpolitischen Ruder nicht gefallen lassen, genau wie es auch geradezu lächerlich erscheint, den „etablierten“ Politikern der drei Koalitionsparteien zu unterstellen, sie würden sich an der Verantwortlichkeit für dieses von jahrelanger Misswirtschaft geprägte Ressort vorbeidrücken.

Solche gehässigen gedanklichen Verrenkungen sind nicht nur abwegig, sie sind auch gefährlich. Die ganze Sache könnte so am Ende doch noch etwas Gutes haben: Nach der zuletzt drastischen Reduzierung der Redaktionsmitglieder dürfte das „Wort“ demnächst wieder neue Fachkräfte einstellen. Deren Kompetenz wird allerdings eher im medizinischen Bereich liegen. Bei soviel Verrenkungen werden nämlich gehörige Verkrampfungen nicht ausbleiben. Und da wird man dann schon die Dienste von guten Physiotherapeuten in Anspruch nehmen müssen.