COLETTE MART

Der arabische Frühling, mit seinen mutigen Vorstößen und seinen enttäuschenden Rückschlägen brachte uns die Anliegen und Hoffnungen, allerdings auch den manchmal hoffnungslosen Konservatismus arabischer Länder näher und regte uns dazu an, uns intensiver mit deren Kultur und Werten zu befassen.

Während Länder wie Tunesien oder Ägypten mittlerweile zu beliebten Urlaubszielen zählen und auf diese Weise nahe an uns herangerückt sind, bleibt ein Land wie Saudi-Arabien eher unverständlich, weil kaum Nachrichten aus dem Wüstenland in den Westen dringen, und diesem das Image der Scharia, der Unterdrückung der Frauen, der Präsenz der Sklaverei anhaftet, und wir also eher selten hinter den Schleier eines undemokratischen und verschlossenen Landes blicken.

Die Tatsache jedoch, dass das Königreich jetzt erstmals Frauen in seinen beratenden Schura-Rat aufgenommen hat, sollte uns aufhorchen lassen. Die Frauen erschienen verschleiert zur Vereidigungszeremonie eines Gremiums, das auch nur eine beratende Funktion hat, und dies in einem Land, in dem Frauen noch nicht einmal Auto fahren dürfen. Hier erwartet man sich nämlich durch Autofahrerinnen einen Anstieg der Prostitution, der Pornografie und der Scheidungsraten, was allerdings Frauen glücklicherweise nicht davon abhält, sich trotzdem immer wieder ans Steuer zu setzen, obwohl ihnen dafür mit Peitschenhieben gedroht wird. Im Zusammenhang mit dieser Nachricht, dass Frauen jetzt ein Fünftel der 150 Ratsmitglieder des Königs darstellen, wäre zu erwähnen, dass derzeit hier in Luxemburg ein saudi-arabischer Frauenfilm gezeigt wird, der die Geschichte der zehnjährigen „Wadjda“ erzählt, die hinter ihrem schwarzen Kleid und ihrem Schleier von einem Fahrrad und der damit verbundenen Emanzipation träumt. Der scheinbar sanfte und besinnliche Film, der uns in ein Wüstenland entführt, das doch noch Züge von „Tausend und eine Nacht“ zu haben scheint, zeigt auf subtile Weise eine Gesellschaft, von der wir wenig wissen, in der sich aber mittlerweile Frauen, auch mit Hilfe von Internet und You-Tube, gegen Jahrhunderte alte Unterdrückung und Diskriminierung wehren.

Ein kleines Mädchen wünscht sich ein Fahrrad in einem Land, in dem Frauen nicht Fahrrad fahren dürfen, nur verschleiert auf die Straße gehen dürfen, vor der Ehe von Männern völlig getrennt leben, und in Mädchenschulen lediglich Anpassung und Unterwürfigkeit lernen. Frauen, die keinen Sohn gebären, werden diskriminiert und abschätzig behandelt. Dass diese Gesellschaft Rebellion und Aufmüpfigkeit schürt, ist positiv. Die Entstehung zärtlicher Beziehungen zwischen Mädchen innerhalb der Mädchenschulen werden hier angesprochen, genauso wie die brutale Unterdrückung der Sexualität, die ja dann trotzdem ihre Wege sucht und irgendwann ein solch frauenverachtendes System ins Wanken bringen kann. Jetzt, wo Frauen verschleiert und als Minorität im Schura-Rat mitreden können, zeigt „Wadjda“ , dass ein saudisches Mädchen Fahrrad fahren kann, ohne dass dadurch Weichen für Prostitution und Pornografie, respektive den Untergang von Werten gestellt werden. Wir sollten der saudi-arabischen Frauenbewegung Gehör schenken.