LUXEMBURG
DANIEL OLY

Mehrere 100 Jahre alte Gebäude sollen auf dem Limpertsberg abgerissen werden - aber Bürger wehren sich

Die Erlaubnis hängt aus: Die Nummern 37, 39 und 41 in der Rue Jean l’Aveugle auf dem Limpertsberg sind offiziell zum Abriss freigegeben. Die drei zusammen hängenden Einfamilienhäuser dürften allesamt Platz machen für einen Neubau, vermutlich ein mehrstöckiges Apartment-Gebäude, das in das moderne Image des schicken Viertels mit seinen großen Fassaden und hohen Bürogebäuden passt. Mehr Wohnraum, der landesweit bekanntermaßen dringend benötigt wird. Weiter unten in der Straße hat es bereits geklappt: Hier sollen die Nummern 13, 15 und 17 weichen - das hatte der Gemeinderat der Stadt Luxemburg jüngst beschlossen.

Soweit, so alltäglich. Aber da gibt es einen Haken: Die Nummern 37, 39 und 41 selbst. Oder besser gesagt: Die Menschen, die sich für ihren Erhalt einsetzen. Denn die Gebäude sind nicht irgendwelche Betonmonster ohne Form und Farbe. Sie haben Charme, Stil - und sind ein historisches Zeugnis der Entstehung des Viertels am Limpertsberg. Die Häuser sehen nämlich nicht nur aus, als seien sie zur Hochzeit des Jugendstils gebaut worden. Sie stammen tatsächlich aus der historisch relevanten Periode von 1900 bis 1910, als der Limpertsberg schrittweise erschlossen wurde, wie Anicet Schmit, Präsident der „Lamperstbierger Geschichtsfrënn“, erklärt.

Historischer Bestandteil des Viertels

„Diese Straßen entstanden nachweislich eine nach der anderen und zogen sich vom Glacis nach oben“, sagt er. Entsprechend alt, aber auch entsprechend hochwertig und schützenswert sei die Bausubstanz. „Diese Gebäude sind Teile des ersten wirklichen Ausbaus und der Erschließung des Limpertsberger Viertels, auf dem zuvor lange Jahre ein Bauverbot herrschte.“ Dass diese Gebäude jetzt einem Bulldozer weichen müssten, wie es - so erklärt Schmit - seit den Siebzigern bereits geschah, will er deshalb nicht einsehen.

So hat Schmit bereits Anfang Dezember ein Gesuch um einen Eintrag zum Denkmalschutz eingereicht. „Diese Anfrage seitens Sites et Monuments stoppt den Bau - vorerst“, weiß er. Jetzt liege es an der Ministerin, Mut zu beweisen, um die Gebäude als schützenswert zu klassieren. Ein großes Problem sieht er darin, dass das Denkmalschutz -Gesetz von 1983 einfach nicht mehr modern ist und einer dringenden Modernisierung bedürfe. Besonders bei den Bausubstanz -Schutzmechanismen auf kommunaler Ebene sei hier einiges im Argen (das JOURNAL berichtete in einem „Kloertext“). Letztendlich liege die Kompetenz meist beim zuständigen Kulturminister, der nach langem Hin und Her entscheiden muss - und selbst dann wird, wie die Entscheidung des Gemeinderates im Bezug auf die Nummern 13, 15 und 17 zeigt, nicht unbedingt zugunsten des Schutzes entschieden. Aber das Problem ist auch ein ganz wesentliches: „Die Menschen bekommen teilweise überhaupt nicht mit, dass die Gebäude zum Verkauf stehen“, sagt Schmit. Besonders bei derart schützenswerten Altbauten sei es deshalb äußerst wichtig, dass Verkäufe nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. „Unter anderem auch, um zu vermeiden, dass die Eigentümer unter Druck gesetzt werden können“, betont er. Ein weiteres Problem könnte sein, dass nur die wenigsten Bürger überhaupt um die Möglichkeit zum Denkmalschutz wissen. „Die meisten denken, es verringert den Wert - aber das Gegenteil ist der Fall“, weiß Schmit. Dass so jeder etwas schützen lassen kann, auch wenn es einem selbst nicht gehört, ist ebenfalls nicht weit verbreitet.

So riskiere man nun, historisch wertvolle Bausubstanz zu zerstören - und das unter Umständen sogar völlig sinnlos: „Das Viertel ist ohnehin längst am baulichen Limit“, meint er. Es ist schlicht und einfach kein Platz mehr für weitere Wohnungen, die an der bisherigen Siedlungsdichte rütteln. Ein Blick in die Straße reicht: Hier könnten unmöglich genügend Parkplätze entstehen, wenn aus drei Wohnungen plötzlich Platz für ein Vielfaches an neuen Einwohnern gemacht wird. „Das damit unweigerlich zusammen hängende zusätzliche Verkehrsaufkommen würde den Limpertsberg nur noch weiter belasten“, meint Schmit. „Es ist einfach kein Platz mehr da!“

Und dennoch hängen die Autorisationen zum Abriss bereits. Alle drei, ausgestellt am 29. November, der einzige Hinweis darauf, dass die Häuser schon bald nicht mehr stehen sollen. Passanten und Anwohner, die vorbei laufen, könnten die Zettel sogar übersehen - und dann ihr blaues Wunder erleben, sobald abgerissen wird. Einem weiteren Anwohner des Quartiers fielen die Bescheinigungen aber auf, er reichte ebenfalls eilig einen Antrag auf Schutz ein, dies im Januar. Auch er ist überzeugt: „Es mangelt an Kommunikation - niemand wird richtig informiert, bevor es soweit ist.“ Und er bedauert den Verlust von historischem Bausubstanz, nicht nur in seinem Viertel Quartier: „Wir zerstören ohne Rücksicht und Plan - und müssen es aus Aushängen erfahren“, betont er. Fast wirke es, als habe ein Krieg gewütet - Neubauten überall.

Weiter unten in der Straße ist dies bereits geschehen, hier machten bereits alte Gebäude Platz für einen neumodischen Komplex. Eine Seitenstraße weiter hingegen sind zumindest die Fassaden geschützt und eingetragen - ein Komplett-Abriss ist damit unmöglich. Auch das stören Anwohner und Schmit: Die Schutzzonen variieren von Straße zu Straße. Das sei weder gut für die Anwohner, noch für die Städteplaner. „Man sollte zumindest Aspekte erhalten“, sagt der Anwohner, der nicht namentlich genannt werden möchte. Neues sei toll, soll aber nicht zu Lasten des Alten entstehen dürfen. Noch ist unklar, was aus den drei Gebäuden in der Rue Jean l’Aveugle passieren wird. Immerhin: So lange die Entscheidung nicht gefällt ist, wird nicht abgerissen. Und ein weiterer Trost bleibt: Direkt neben dem Trio steht ein weiteres Haus aus derselben Zeit. Aber wie ein bekanntes gallisches Dorf eines beliebten Comics scheint es sich nicht ergeben zu wollen. An diesen Fenstern klebt kein Zettel. Zumindest noch nicht.