NIC. DICKEN

Für etliche Wellen sorgte gestern die auch von den luxemburgischen Internet-Medien schnell aufgegriffene „Spiegel“-Meldung, dass sich die im September an die Spitze einer großen Koalition wiedergewählte deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen einen europäischen Spitzenposten für den langjährigen luxemburgischen Staatsminister Juncker sperre und an seiner Stelle lieber Leute aus Irland oder Polen sähe, die ebenfalls, genau wie Juncker, zum christlich-konservativen Familienkreis der EU gerechnet werden. Die Tatsache, dass schon Stunden später eine entsprechende Absicht von der Berliner Machtzentrale dementiert wurde, ist nicht unbedingt als Indiz für die Unrichtigkeit der ursprünglichen Nachricht zu werten.

Wie andere vor ihm hat sich Juncker über zwei Jahrzehnte lang auf europäischer Bühne für einen gleichberechtigten Respekt der kleineren Mitgliedstaaten der EU eingesetzt, deren Stimme im Chor der Großen nicht untergehen oder verhallen dürfe. Dass der luxemburgische Premier mit seinen Stellungnahmen gerade in den letzten Jahren weitaus öfter auf die Zustimmung linksgerichteter Politiker auf der höchsten EU-Ebene stieß denn auf die der eigenen Gesinnungsfreunde, lässt u.a. auch den Schluss zu, dass er sich mit seinen auch im Namen von Luxemburg vorgebrachten Positionierungen nicht nur Freunde gemacht hat.

Den Schuss vor den Bug, den ihm mit Merkel und Sarkozy gleich zwei geistig nahe stehende Spitzenpolitiker 2006 durch den Vorzug von Herman Van Rompuy gesetzt hatten, hat Juncker nicht nur schwer verkraftet, sondern offenbar auch nie ganz verstanden.

Wie sonst hätte er den Traum vom Kommissions- oder Ministerratspräsidenten allen Dementis zum Trotz offenbar noch weiterträumen und sich gleichzeitig immer wieder als „Troublemaker“ und Oberlehrer aufspielen können, womit er zwangsläufig auch die politisch nahe stehenden Entscheidungsträger verprellen musste. Der Sache der Kleinen in Europa hat er, bei aller ehrlichen Überzeugung, die wir ihm unterstellen möchten, nicht immer damit gedient, dass er konsequent die „Großen“ in deren Grenzen verwies.

Dass seine diesbezügliche Argumentation auch nicht unbedingt immer stichhaltig ist, hat er übrigens zur Genüge in zahlreichen Reaktionen im unmittelbaren Anschluss an die Wahlen vom 20. Oktober bewiesen. Warum sollte es auf der luxemburgischen Bühne anders sein als in Europa? Warum sollten nicht auch hierzulande die Kleinen, sprich kleineren Parteien, zumal wenn sie sich auf eine demokratische Legitimierung berufen können, dem einen oder anderen „Großen“ bessere Ideen, Konzepte, Initiativen vorsetzen können?

Mit der gleichen Begründung, mit der Juncker jahrelang mehr Gehör für die kleineren Staaten Europas eingeklagt hat, müsste er doch auch den Führungsanspruch der neuen Dreier-Koalition gelassener gelten lassen.

In Luxemburg gilt wie in Europa: Nicht immer hat derjenige Recht, der am lautesten schreit.