CORDELIA CHATON

Ein britischer Politologe meint: „Die Deutschen haben den Verstand verloren!“ Er fürchtet, dass der Begriff „Willkommenskultur“ ebenso in seine Sprache eingeht wie „Blitzkrieg“ oder „Leitmotiv“. Was er meint, sind Menschen, die Flüchtlinge freundlich an Bahnhöfen empfangen. Das passt so gar nicht zum internationalen Bild der Deutschen. Aber es zeigt, dass Politik das Volk sehr interessiert; überall.

Als im Januar bei einem Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ wehrlose Journalisten erschossen wurden, protestierten Menschen in Europa und weltweit. Sie gingen für europäische Werte und gegen den IS-Terror auf die Straße. Ohne in allen Fällen wirklich genau in Worte fassen zu können, was genau sie meinten, wollten sie eines: Zusammen stehen gegen eine Wand aus Terror und diktatorischem Regime.

Jetzt gehen Menschen an Bahnhöfe und halten Schilder mit Willkommensbotschaften hoch. Für viele ist es die Weiterführung der gleichen Werte, für die sie vor einem halben Jahr auf die Straße gegangen sind.

Nun geht es nicht mehr darum, jemandem die Stirn zu bieten, sondern seine Überzeugungen mit Leben zu füllen.

Die alles entscheidende Frage besteht darin, wie es weitergeht. Wenn sich im saarländischen Lebach vier Helfer um 4.000 Flüchtlinge kümmern sollen, sind Grenzen erreicht. Wenn große Gruppen von Menschen einer Nation zusammen bleiben, sinkt die Möglichkeit, dass sie Sprache und Kultur eines Gastlandes wirklich erlernen. Beispiele dafür gibt es genug; von Flüchtlingen aus Algerien, die in den 60er Jahren nach Frankreich kamen, bis hin zu großen Siedlungen der Rumänen in Duisburg. Kindergärten, in denen es nicht genug Kinder gibt, die Deutsch sprechen, machen es Neuankömmlingen schwer, die Sprache zu erlernen.

Die ungeheure Hilfs- und Aufnahmebereitschaft hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn es genug Menschen gibt, die sich langfristig in die Integration einbringen. Das ist die Herausforderung in allen Ländern.

Luxemburg, das sich durch eine sehr friedvolle Integration auszeichnet, sorgt rundum für Neuankömmlinge. Deshalb gibt es auch viele Erfolgsgeschichten.

Dennoch sucht das „Office luxembourgeois de l’accueil et de l’intégration“ (Olai) Menschen, die Flüchtlingen Luxemburgisch beibringen, Ferienaktivitäten oder Hausaufgabenhilfe anbieten können. Die von einer Studentin gegründete Facebook-Seite „Refugees welcome to Luxembourg“ verzeichnet derweil über 7.800 Likes - und sucht Helfer. Auch andere Aktionen suchen nach helfenden Händen.

Das stellt die Frage nach der eigenen Verantwortung. Wie viel will jeder geben? Wie will sich jemand einsetzen? Insbesondere für die katholischen Pfarrer im Land ist diese Frage nach den klaren Ansagen des Papstes sehr aktuell. Einer, der sich so etwas nicht fragt, ist Putin. Der russische Präsident verweist auf die Probleme mit dem IS in Kasachstan und Tadschikistan, will aber seinen einzigen Hafen im Mittelmeer, der ausgerechnet in Syrien liegt, behalten. Ob er und die anderen eine Lösung finden, ist fraglich. Sie muss vor allem aus dem Land selbst kommen.