LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

INECC-Direktor Arend Herold über die vielfältige Chorszene und mögliche Zukunftssorgen

Beim Stichwort „Chor“ haben nicht wenige erstmal ein etwas verstaubtes Bild vor Augen. Wahrscheinlich denken sie in erster Linie an den Kirchenchor, der die Sonntagsmesse singt und dem kaum junge Leute angehören. Dass dies ein unvollständiges Bild der Gesangslandschaft ist, dürfte klar sein. Wir haben mit Arend Herold, dem Direktor des „Institut Européen de Chant Choral“ (INECC), über die ganze Vielfalt und mögliche Nachwuchssorgen gesprochen. Er selbst ist übrigens bei den „Cojellico‘s Jangen“ und einer Reihe anderer Chöre des INECC aktiv.

Wie würden Sie Luxemburgs Chorszene beschreiben?

Arend Herold In einem Satz: als sehr vielfältig. Die Majorität machen aber die Kirchenchöre aus, genauso wie man sie kennt: Sie singen die Messe und manchmal auch ein größeres Konzert. Tatsächlich gibt es das allgemeine Problem, dass unsere Chorszene relativ alt ist. Deshalb zögern junge Leute häufig, einem bestehenden Chor beizutreten. Aber: Es gibt auch eine Vielzahl anderer Beispiele. Neue Ensembles, die sich anderen Stilen als dem klassischen Repertoire widmen, sind entstanden. Beim INECC wurde zum Beispiel jetzt eine Vocal-Band gegründet, die Popklassiker singt. Dieses Ensemble macht alles mit der Stimme, kommt also ganz ohne Instrumente aus, dafür sind aber Beatboxer mit von der Partie.

Es gibt also Initiativen, die eine jüngere Zielgruppe interessieren könnten?

Herold Genau, Initiativen, die sich eben gerade an junge Leute richten. Ein ähnliches Projekt läuft gerade in Kayl an. Solche Beispiele sollen dazu inspirieren, weitere Ensembles im Popbereich ins Leben zu rufen. Jazz- und Gospel-Chöre gibt es auch schon. Wie gesagt, die Chorszene ist hierzulande vielfältiger, als man meint, und auch ganz lebendig.      

Sie sorgen sich demnach nicht um die Zukunft?

Herold Sorgen muss man sich schon in gewissen Bereichen machen. Der klassische Dorfchor, den es früher in jeder Gemeinde gab, ist vielerorts am Verschwinden. Die Sängerinnen und Sänger haben oft ein gewisses Alter, und es findet sich kein Nachwuchs. Die Quantität nimmt demnach ab. Auf der anderen Seite entstehen aber neue Initiativen, allerdings nicht flächendeckend, das heißt, dass sich vieles auf das Zentrum des Landes beschränkt. Das ist zweifelsohne eine Herausforderung. Auf dem Land fehlt es immer mehr am entsprechenden Angebot.

Wo müssen denn Hebel in Bewegung gesetzt werden? Wird in der Grundschule noch genug Wert auf den Gesangsunterricht gelegt?

Herold In den Schulen wird immer noch gesungen, Musik steht nämlich weiterhin auf dem Lehrplan. Letztlich hängt es aber vom jeweiligen Lehrer ab, ob und wie viel gesungen wird. Was die Ausbildung des Lehrpersonals für die Grundschule anbelangt, so komme ich nicht umhin festzustellen, dass an der Uni Luxemburg nicht viel Wert auf die Musik oder überhaupt künstlerische Erziehung gelegt wird. Soweit ich weiß sind Musikkurse während des Studiums nicht einmal mehr obligatorisch. Die Lehrer müssen also keine Kompetenzen in der Musik und im Gesang haben. Früher war das eine Voraussetzung. Dennoch weiß ich, dass sehr viele Lehrer Singen in ihre Schulstunden einbinden. Das INECC bietet übrigens auch Aktivitäten an Schulen an. Außerdem haben wir zwei Mitarbeiter, die regelmäßig Weiterbildungen fürs Lehrpersonal leiten, die immer ausgebucht sind. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass die Musik während des Studiums wieder mehr Gewicht bekommt, bin ich mir bewusst, dass die Anforderungen komplexer geworden sind.

Was ist überhaupt das Tolle am Singen?

Herold Das ist immer die große Frage. Ich kann nur für mich persönlich sprechen, wenn ich sage, dass mir das Singen einfach sehr viel Freude bereitet. Wenn ich schlecht drauf bin oder nach einem langen Arbeitstag eigentlich keine Lust habe, zur Probe zu gehen, geht es mir immer gleich nach den ersten gesungenen Tönen besser. Mit anderen gemeinsam zu singen und Musik zu machen steigert die Moral. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

Kann eigentlich jeder singen oder ist doch ein angeborenes Talent die Voraussetzung?

Herold (lacht) Die Theorie ist, dass jeder singen kann, immerhin hat quasi jeder Mensch die Möglichkeit, Töne zu produzieren. Längst nicht jeder hat natürlich eine Super-Stimme und somit das Zeug zum Opernsänger oder Popstar. Ich habe auch schon Leute kennengelernt, denen man nicht beibringen konnte, gerade Töne zu singen.

Apropos Popstar, die vielen Casting-Shows müssten doch eigentlich den Beweis dafür liefern, dass jüngere Generationen Spaß am Singen haben?

Herold Casting-Shows sind ein ganz interessantes Thema. In der Tat könnte man wegen des Erfolgs meinen, dass das Interesse am Singen groß ist. Allerdings merkt man auch oft, dass die Motivation der Teilnehmer nicht unbedingt die ist, mit anderen zu singen, sondern dass sie die Gelegenheit eher nutzen, um sich selbst darzustellen. Diese Erfahrung hat auch mein Vorgänger Camille Kerger gemacht, als damals hier bei RTL eine solche Casting-Show lief. Er hatte einigen Teilnehmern nämlich angeboten, mit ihnen zu arbeiten, damit sie sich etwas weiterentwickeln könnten. Es gab aber überhaupt kein Interesse, weil sie der Meinung waren, bereits perfekt zu sein. Ich habe oft den Eindruck, dass bei solchen Sendungen nicht in erster Linie die Leidenschaft am Singen, sondern eine andere Motivation im Vordergrund steht. 

Zuletzt hat das INECC ein paar neue Formate geschaffen, wie etwa den „Stille Nacht“-Videocontest und „Choraoke“ im „De Gudde Wëllen“. Wie sind sie angekommen?

Herold Der „Stille Nacht“-Wettbewerb um Weihnachten war wirklich eine schöne Erfahrung. Viele interessante und ganz unterschiedliche Beiträge sind bei uns eingegangen. Das hat demnach gezeigt, dass Singen durchaus noch seinen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Eine unserer neuesten Aktivitäten ist in der Tat „Choraoke“, zusammengesetzt aus Chor und Karaoke. Es geht darum, Leute in einem ungezwungenen Rahmen mit Live-Band ans gemeinsame, mehrstimmige  Singen von bekannten Popsongs zu bringen. Der Zuspruch bei der ersten Edition war riesig. Das Ganze soll nun einmal im Monat stattfinden, am 14. Februar wird das zweite „Choraoke“ organisiert.

Im Resümee: Der ganze Chor-Bereich soll etwas aufgepeppt und folglich entstaubt werden?

Herold Wir werden nicht alles ändern oder Bestehendes abschaffen, versuchen aber, einen neuen Wind reinzubringen und dem Chor ein frischeres Image zu geben. Neue Aktivitäten sollen helfen, den ganzen Bereich zu dynamisieren und auch ein neues Publikum anzuziehen, das vielleicht bislang noch Vorbehalte hatte.

Zusätzliche Infos unter www.inecc.lu