LUXEMBURG
MARCO MENG MIT DPA

Bizarre Aktienwelten: Die Angst vor dem Billiggeld-Entzug wächst

Verkehrte Welt. Während Europa nicht aus der Krise kommt, melden die Börsen explodierende Kurse, manche sogar Rekordstände. Unternehmen beklagen, nur schwer an Bankkredite zu kommen, während die Zinsen zuletzt auch von der Europäischen Zentralbank auf ein Rekordtief gedrückt wurden. Offenbar ist das eine - die steigenden Aktienkurse - eine Folge des anderen - dem billigen Geld. Das wirft die Frage auf, auf welchem Fundament die jüngste Rally an den Börsen überhaupt steht. Denn während die Börsen in den schwächelnden Industriestaaten von einem Rekordhoch zum nächsten jagen, verfinstert sich der Wachstumsausblick für die Weltwirtschaft. Genauso entlarvend: viele Schwellenländer, die ja als Hoffnungsträger für den globalen Aufschwung gelten, machen bei den Börsen-Parties gar nicht mit.

Niedrigzinsen solltenWirtschaft anfeuern

Die Finanzwelt ist im Liquiditätsrausch, doch das Zittern vor dem Entzug hat schon begonnen. Wie groß die Furcht vor dem Ende des Billiggelds ist, zeigte sich unlängst: Schon das bloße Nachdenken von US-Notenbankchef Ben Bernanke, die Niedrigzinspolitik könne irgendwann ein Ende haben, und die Aktienkurse gehen auf Achterbahnfahrt. „Die Angst vor einem Ende der Geldflut geht um“, bilanzierte Analyst Wolfgang Albrecht von der Landesbank Baden-Württemberg.

Tag für Tag werden heute im Computerhandel unvorstellbar hohe Summen über den Planeten hin und her bewegt. Gut. Das bedeutet freier Strom von Kapital und hohe Liquidität. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat andererseits seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft jüngst gesenkt. Statt eines Plus von 3,5 Prozent ergibt sich für 2013 nun nur noch eines von 3,3 Prozent. Grund: verschlechterte Perspektiven für die Eurozone und die USA - ausgerechnet dort feierten aber doch die Börsenkurse zuletzt so gigantische Kurssprünge?

Am Anfang aller Börsenhypes steht das Wort, nämlich „Euphorie“. Es folgt der Wettlauf mit dem Sichüberbieten, und wenn einige genug Geld verdient haben, folgt bei anderen die Ernüchterung über die zu hohen Kurse, was dann wieder schnell zur Panik und Krise wird - diesmal dann auch mit direkten Auswirkungen für die Realwirtschaft, die vom vorhergegangenen Hype bis dahin ignoriert worden war. Börse ist Psychologie, hört man immer wieder. Kaufen viele, steigen die Kurse; steigen die Kurse, lohnt es sich einzusteigen mit der Folge, dass noch mehr kaufen. Dass das aber längst schon weitgehend abseits der Realwirtschaft geschieht, liegt daran, dass viele, die Aktien kaufen, sich ja nicht für das Unternehmen interessieren, das hinter der Aktie steht - die Aktie interessiert nur, weil man sie schnell und einfach zu einem höheren Preis weiterverkaufen kann. Schnelles Geld ist eben lockender als soundsoviel 0,1% an einem stabilen Unternehmen zu besitzen. Das derzeit „billige“ Geld, d.h. die niedrigen Schuldzinsen, verlocken zunehmend, mit geliehenem Geld Wertpapiere zu kaufen, was bei Hedgefonds ja zum Geschäftsmodell gehört. Die Aktienkurse sind zum Teil irreal - weil sie ja inzwischen von der Hoffnung auf billiges Geld mehr getrieben sind als von einem tatsächlichen konjunkturellen Aufschwung.

Aktienkurse contra Wirtschaftswachstum

Nun argumentieren die Notenbanker ja, durch die niedrigen Zinsen wollten sie die Realwirtschaft ankurbeln. Dennoch sieht man allenthalben, dass dem nicht so ist. Da es mit den Bankkrediten nicht mehr so läuft, rekapitalisieren sich Unternehmen immer häufiger mittels Herausgabe von eigenen Schuldscheinen (Anleihen, Bonds). Was aber ist dann die Aufgabe der Banken? Die Vermittlung von Investoren?

Blickt man auf die Schwellenländer, denen wir das weltweite Wachstum in den letzten Jahren entscheidend zu verdanken haben, stellt man fest, dass dort die Aktienmärkte keine Parties feiern: die Kurse dümpeln nur schwach vor sich hin. „Die Stars in der Aktienmanege sind nicht die Schwellenländer, die teilweise wachsen wie Deutschland in seinen Wirtschaftswunderjahren und die im Vergleich zur westlichen Welt fast waisenhaft geringe Verschuldungen haben“, sagt Baader-Bank-Experte Robert Halver. Die Helden am derzeitigen Aktienmarkt seien die stabilitätslosen Länder des Westens.

Die Deutsche Bank - in den letzten Jahren zu einem der Global Player im Wertpapierhandel mutiert - hatte vor wenigen Tagen auf ihrer Hauptversammlung einen Kulturwandel verkündet, um so wieder mehr „Vertrauen zu gewinnen“. Die Bank hatte durch einige Affären so manchen gegenwärtigen und auch potenziell zukünftigen Kunden verprellt.

Am Ende würde sicherlich nicht nur die Deutsche Bank davon profitieren, wenn die Geldhäuser wieder mehr solides Geld damit machen, realwirtschaftlichen Fortschritt zu finanzieren statt Profite durch Hin- und Herverkauf von Wertpapieren zu erzielen.