LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Flüchtlingslager und Palliativstation: Moreno Berardi engagiert sich bei der Young Caritas

Besuch im Flüchtlingscamp von Calais oder Samstagsbrunch auf einer luxemburgischen Palliativstation: Moreno Berardi hat schon mehrere Projekte der Young Caritas mitgemacht. „Die treibende Motivation ist die Rückmeldungen von den Leuten, mit denen wir arbeiten, das Dankeschön in den Augen, das ist ehrlich und menschlich.“

Es geht dem 20-Jährigen vor allem darum, etwas abzugeben. „Mir geht es so gut, warum können wir davon nichts abgeben oder eine Freude weitergeben“, sagt er. Menschen in Not nur zuzuhören, sei sehr wichtig. Schon als Kind wollte er sich einbringen, doch waren die Ideen mit dem Bau einer Schule in Afrika noch relativ abstrakt, ist sein Einsatz längst zielgerichteter geworden.

Im „Dschungel von Calais“: schwierig und schön

Ob Calais oder Palliativstation, man muss kein Rhetorikgenie sein, um Menschen in Not zu trösten oder gut mit ihnen umzugehen. „Man muss sich einfach trauen, es ist noch kein Experte vom Himmel gefallen, wenn man sich dafür interessiert, sollte man sich trauen.“ Schiefgehen könne bei solchen Projekten nichts, zumal die Betreuer auch betreut werden. „Bei Fragen ist immer jemand da.“

Wer Angst hat, etwas Falsches zu sagen, solle versuchen, authentisch zu sein. Auf dem Samstagsbrunch auf der Palliativstation habe er erfahren, dass die Patienten von sich aus Kontakt suchen, Informationen von draußen wollen und natürlich wissen, wie es um sie steht. „Da muss man im Gespräch fühlen, wie weit man gehen kann“, sagt Moreno.

Auch an schwierige Momente erinnert sich der 20-Jährige, wenn es um seine Freiwilligenarbeit geht: Etwa als ein Flüchtling im Baggerweiher ertrank, als man an einem Theaterprojekt arbeitete, oder der 16-Jährige, den Moreno im „Dschungel von Calais“ traf und der sich schuldig fühlte, weil er als einziger das Massaker an seiner Familie überlebt hatte. „Es ist schwer, wenn man sich etwa in der anderen Person wiedererkennt“, sagt Moreno und erinnert sich an einen jungen Flüchtling, der lieber derjenige sein wollte, der hilft, als der, der Hilfe braucht. „Ich bin auch lieber die Person, die hilft“, sagt Moreno. Aber in Calais gab es auch viele schöne Momente. „Wir wurden damals einfach von ihnen in ihre Zelte eingeladen, und heute eben in ihre Häuser oder Wohnungen, das ist das größte Kompliment, wenn der Kontakt bestehen bleibt und Freundschaften entstehen und wir auch feiern gehen.“

Sein soziales Engagement hat im Juni 2012 begonnen. Den Anstoß gab ein Besuch von Paul Galles von der Young Caritas, dort Koordinator des solidarischen Benevolats, in Morenos Gymnasium. „Ich hatte immer schon das Bedürfnis, mich einzubringen, das war der perfekte Zeitpunkt.“ Die Schüler sollten sich ein Projekt ausdenken, das dann auch umgesetzt wurde. „Seitdem bin ich ständig bei Young Caritas.“ So haben die Jugendlichen beispielsweise im Winter mit Obdachlosen für andere Obdachlose gekocht und das Essen auch ausgeteilt. „Wir konnten sehen, wo sie wirklich leben“, erinnert sich Moreno und ergänzt, „es war interessant, ihre Geschichten zu hören, die Geschichten, die man bei dieser Arbeit anvertraut bekommt, das ist sind immer ein Geschenk.“

Brief an Jean-Claude Juncker

Anfang 2015 kam die Gründung der Gruppe „If the boot is full, we will build a new one“. Eine Reaktion auf die Flüchtlingskrise und den wiederholt zitierten Satz „Das Boot ist voll“ - ursprünglich ein Zitat des Schweizer Bundesrats Eduard von Steiger zur Rechtfertigung, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg angesichts der Schoah auch für Juden zunächst die Grenzen schloss. Beim Projekt „If the boot is full, we will build a new one“ ging es zunächst darum, die Flüchtlingkrise und die Aufnahmeprozesse von Flüchtlingen zu verstehen, dazu gehörte auch ein Treffen mit Corinne Cahen in deren Funktion als Integrationsministerin. Dann hat sich das junge Team einige Projekte zur Sensibilisierung überlegt und mit sechs anderen europäischen Gruppen von Young Caritas die „Young Caritas in Europe“ gegründet. Es geht Moreno und den anderen Mitstreitern darum, die Nachricht auszusenden, dass eine Zusammenarbeit für eine bessere Welt effektiver ist, als wenn gegeneinander gearbeitet wird.

Mit „Young Caritas in Europe“ wurde auch ein Brief mit Lösungsvorschlägen rund um Probleme im Umgang mit der Flüchtlingskrise erstellt. „Den Brief haben wir dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker übergeben, ich weiß, dass er ihn auch durchgelesen hat.“ Für das Projekt gab es 2017 den Jugendkarlspreis.

Derzeit ist Moreno als Vertretungslehrer an einer Schule im Einsatz. Als aktuelles Projekt organisiert er eine eigene Freizeit in den Sommerferien in Frankreich. Doch vorher stellt Moreno die Weichen seines beruflichen Werdegangs: Im März nimmt er sein Studium an der „International School of Management“ in Stuttgart auf, dann stehen für ihn täglich Fächer des Studiengangs „Psychology & Management“ auf dem Plan. „Später möchte ich bei einer NGO arbeiten und solche Projekte als Berater auf internationaler Ebene leiten.“

Für sein Engagement war er jüngst auch als „Luxemburger des Jahres“ nominiert, am Ende hat es allerdings nicht geklappt. Enttäuscht ist er aber nicht. „Es war mir schon bewusst, dass ich das nicht werde, weil Luxemburger nicht europäisch genug denken und auch, weil ich der einzige junge Nominierte war.“ Stattdessen freut er sich über die Nominierung: „Darüber war ich sehr froh, das war ein sehr großes Kompliment, mit dem ich sehr zufrieden bin.“


Weitere Infos unter www.youngcaritas.lu