LUXEMBURG
JEFF KARIER

„Mass Effect: Andromeda“ mit neuem Protagonisten und einigen alten Schwächen

Vor fünf Jahren ging mit „Mass Effect 3“ die Reise des Commander Shepard zu Ende. Dabei ließ das Finale der SciFi-Trilogie nicht wenige Fans enttäuscht zurück. EA und Bioware hatten somit einiges wieder gut zu machen. Die Erwartungen an Teil vier, „Mass Effect: Andromeda“, waren entsprechend hoch. Vielleicht sogar zu hoch.

Eines direkt vorweg, die zum Release des Spiels viel kritisierten Animationen - im Speziellen die der Gesichter - ist zwar nicht gelungen, aber weniger verheerend als es einige Internetseiten und User darstellen. Auch wenn das bereits direkt bei Spielstart ein Wermutstropfen ist, ist es aber nicht für ein Rollenspiel solchen Ausmaßes, wie „Mass Effect: Andromeda“ eines ist, entscheidend. Denn mit einem kann das Spiel bereits zu Beginn punkten, dem Szenario.

Alles anders als gedacht

„Andromeda“ setzt zwischen Teil zwei und drei der Shepard-Saga ein. Eine Initiative will einen Neustart wagen und das in der namensgebenden Andromedagalaxie. Dort habe man eine ganze Reihe an vielversprechenden Planeten, die als „goldene Welten“ bezeichnet werden, ausgemacht. Allerdings dauert die Reise rund 600 Jahre, weshalb wir wie alle anderen in einen Kryoschlaf versetzt werden.

Mit dem Erwachen aus diesem Jahrhunderte dauernden Schlaf beginnt unser Abenteuer, müssen aber schnell feststellen, dass nichts so ist wie vorgesehen. Nicht nur sind die „goldenen Welten“ praktisch unbewohnbar, auch die vor uns eingetroffene Raumstation „Nexus“ ist noch eine Baustelle. Außerdem ist von den vier Archen, mit denen die Bewohner der Milchstraße aufgebrochen sind, bisher nur unsere eingetroffen. Nach unserem ersten Einsatz, bei dem vieles schief läuft, fällt uns die Rolle des „Pathfinders“ zu.

Als solcher müssen wir nun eine neue Heimat für die Menschheit finden und Planeten bewohnbar machen. Dabei treffen wir auf fremde Aliens, unterschiedliche Fraktionen und antike Technologie, werden mit einem Mangel an Ressourcen konfrontiert und können nie wieder zur Milchstraße zurückkehren. Das erzeugt in den ersten Spielstunden eine tolle Atmosphäre und das Gefühl eines Neustarts.

Zeitfresser

Die Planeten erweisen sich dabei als recht große, frei erkundbare Areale. Das überarbeitete Craftingsystem macht Laune und die vielen Charaktere, auf die man trifft, füllen die Welten mit Leben. Ein Großteil der Nebenquests, die man vielerorts findet, ist solide bis gut gemacht. Natürlich gibt es auch einige eher monotone wie nervige Nebenquests, aber diese können auch ausgelassen werden. Wenn man allerdings viel Zeit in diese investiert, leidet das Erzähltempo und die Spannung bleibt etwas auf der Strecke.

Vermutlich hätte es dem Spiel besser getan, wenn sein Umfang ein bis zwei Nummern kleiner ausgefallen wäre. Denn auch nach 50 Stunden Spielzeit ist das Ende noch nicht in Sicht. Der „Open World“-Zwang, den Bioware oder vermutlich eher EA dem Spiel aufgezwungen hat, hätte nicht sein müssen. Nur wenige Spiele schaffen es, eine große offene Spielwelt mit Leben zu füllen und sie spannend zu gestalten. Das ist bei „Mass Effect: Andromeda“ nicht wirklich gelungen. Auch hätten wir uns etwas aufwendigere Städte, Stützpunkte und Kolonien gewünscht, die Grafik ist nicht überall ein Hingucker.

Dennoch macht das Spiel Spaß. Die Begleiter sind größtenteils gelungen, die englische Synchronisation ist gut und das Szenario interessant. Das Skillsystem bietet viele Möglichkeiten der Kombination von Fähigkeiten, nur hätten wir uns gewünscht, mehr als nur drei dieser auswählen und im Kampf nutzen zu können. Die Kämpfe gestalten sich dabei besser als in den Vorgängern. Dank erster Patches sind auch die Animationen etwas verbessert worden sowie einige Bugs beseitigt.

Fans der Reihe wie auch Freunde von SciFi-Rollenspielen sollten zugreifen. Ihnen muss aber bewusst sein, dass „Mass Effect: Andromeda“ kein Meilenstein ist und leider viel Potenzial verschenkt. Wer darüber hinwegschauen kann und genug Zeit mitbringt, wird dann auch viel Spaß mit dem ersten Abenteuer in der Andromedagalaxie haben.