PATRICK VERSALL

Ich hatte mir für diesen Leitartikel in den vergangenen Tagen schon ein paar Ideen zusammen gekramt. Über die Einführung der Zweisprachigkeit in den luxemburgischen Kindertagesstätten wollte ich ein paar Zeilen verlieren. Alle Ideen wandern aber jetzt ins Eisfach und werden dann in der kommenden Woche wieder aufgetaut. Onkel Dieter ist schuld daran, dass in den nachfolgenden Zeilen nicht über die Umgangssprache von Piti und Joao in der Kita die Rede sein wird, sondern über die Zerstörung der musikalischen Bildung. Ich bin ein Fan von Dieter Bohlen. Ja, ich steh dazu, dass ich seine Kompositionen, die er für die „höhensonnengegerbte Sangesschwuchtel“ namens Anders komponierte - Zitat eines deutschen Musikjournalisten - für Meisterwerke des Supermarktpops halte. Und ja, ich bedauere zutiefst, dass Dieter B. ein Angebot über 20 Millionen Euro ausgeschlagen hat, die man ihm auf den Tisch legte, um sich ein weiteres Mal auf eine Kurzehe mit Anders einzulassen.

Jetzt statten Bohlens Junker in einem 18-Tonner Luxemburg einen Kurzbesuch ab, um junge Teenies und Spätpubertierende für Super Dieter- Samstagabend-Musik-Zirkusshow zu casten. Vieh für your senses: Eine Herde Scheinwerfer-geile Freizeitmusiker, die vor einem Publikum zum Fernsehaltar geprügelt werden, um im Namen der Quoten und Werbegelder geschlachtet zu werden. So soll Musik heute. Nun möchte ich nicht ohne Unterbrechung auf Onkel Dieter eindreschen, da er erstens diese ungenießbaren Castingformate nicht erfunden hat, und zweitens nicht der einzige Wiederholungstäter ist, der in der Medienlandschaft herumläuft und Sangesfreunde durch den Kakao zieht. Die Wurzeln des Problems sind keinesfalls die unzähligen Castingformate; sie können aber als Sinnbild für den Zustand einer Gesellschaft betrachtet werden, in der musikgeschichtliche Bildung riskiert, zum Randphänomen degradiert zu werden und die berühmten fünfzehn Minuten Berühmtheit zum Endziel avancieren, das es zu erreichen gilt. Eine Basis aus minimalem musikhistorischem Grundwissen ist unnützer Ballast. Sowieso dauert es -auch in Wikiwasauchimmer-Zeiten - viel zu lange, sich dieses anzueignen.

Wissen schadet scheinbar nur, um schnell berühmt zu werden. Wer weiß, dass Lady Gaga auf Paparazzi steht, hat die Welt verstanden. Und wieso halten Casting-Clowns Justin Bieber für den größten Komponisten aller Zeiten, noch vor Mozart?

Die Bildungsinstitute haben dieses Mal keinen Anschiss verdient. Eher die Erziehungsberechtigten, die die kulturelle und musikalische Erziehung lieber den Massenmedien überlassen, anstatt den eigenen Nachwuchs an der Hand zu nehmen, um ihn ins Konzerthaus, ins Theater oder ins Museum zu begleiten.

Lieber spaziert man mit dem kleinen Nachwuchs-Justin zum Dieter-Truck. Und vielleicht schafft man es auch noch auf ein Foto mit diesem, na wie hieß er doch gleich, Dieter Anders? Egal, Hauptsache Bieber kommt in die Philharmonie als Opening-Act für den Superstar von morgen.