LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Erste Plädoyers im Mordprozess „Schléiwenhaff“

Im Saal 1.07 des Bezirksgerichts wurde am Dienstag der Mordprozess „Schléiwenhaff“ mit den Plädoyers der Verteidigung fortgesetzt. Der Tatverdächtige K. wurde von zwei Polizisten an seinen Platz geführt. Schwarze Hose, schwarzer Pullover, schwarze Jacke, als käme er zu einem Vorstellungsgespräch. K. saß fast ruhig, unbekümmert auf der Anklagebank. Etwas später nahm auch sein mutmaßlicher Komplize Alden S. auf der Bank Platz. Beiden Angeklagten wirft die Staatsanwaltschaft vor, im November 2016 den nigerianischen Drogendealer O. erschossen zu haben. Beide bestreiten aber, geschossen zu haben.

Der 37-jährige K., der wegen Mordverdachts in einem zweiten Fall vor Gericht steht, bestreitet weiterhin die Mordtat an der Rumänin. Ihm wird vorgeworfen, die Prostituierte in Hollerich abgeholt und später getötet zu haben. Geplant? Oder im Affekt? Der Fall steht für eine der kompliziertesten Fragen im Strafrecht. S. hat juristisch mit diesem Mord nichts zu tun. Er bekam ein „non lieu.“

Am Dienstag ging Me Knaff in seinem Plädoyer auf verschiedene Punkte ein, von denen er sicher ist, dass sie seinen Mandanten S. entlasten. Knaff kam sofort auf die SMS zu sprechen, die K. an jemanden geschickt hatte und die nachträglich gelöscht wurde.

Es sei wahrscheinlich, dass ein anderer die Message „Hues du Loscht een haut ëmzebrengen?“ bekommen hat, sagte Knaff, denn sein Mandant S. habe so eine SMS nie bekommen. Knaff stellte auch die Hypothese in den Raum, K. hätte seinen Mandanten S. im Wagen mitgenommen, um ihm den Mord am Drogendealer anzuhängen. Sein Mandant habe zugegeben, Kokain konsumiert zu haben. Ein großer Drogendealer sei er aber nicht. Knaff zog hierzu seine Folgerung: Wenn S. ein großer Drogendealer wäre, warum würde sein Name dann nie in Ermittlungsakten genannt, wo es um großen Drogenhandel gehe? „Méi Klient huet den O. nët erschoss, dat ass meng Konklusioun. Hie wouesst naischt dovun. Den S. huet och nët gehollef de Kadaver ze débarasséieren. Et gett keen eenzegen Beweis, dat den S. den Dealer ugepakt huet. D’Laich vum O. ass aus dem Auto geheit ginn. An dat war deen aneren. Den S. hut och naischt geklaut. De Rescht si Spekulatiounen. Ech gesi keen ’acte de complicité‘ a froen doduerch en Acquittement.“

Für Verteidiger Grasso gab es nie einen Plan, den Drogendealer zu ermorden. „Dat de Cousin am Umfang dobei war, ass en Unhaltspunkt, dat et nët prématuréiert war,“ so Grasso. „De K. huet gesot, ech hun da do nët gemat.“

Wilde Hypothesen?

Überdosen und Mischkonsum hätten dazu geführt, dass seinem Mandanten sein Kokainkonsum zum Verhängnis wurde, meinte Grasso. Der Verteidiger schloss nicht aus, dass die Leiche des Drogendealers nach dem Schuss doch auf die linke Seite von K. gefallen sei. Die Hypothese sei für den Verteidiger „nicht ausgeschlossen“ - für die Experten schon.

Im Mord E. hätte nicht ein einziger Zeuge K. erkannt. Obschon die Physiognomie seines Mandanten mit einem „Wiedererkennungseffekt“ belastet sei. „War es Lee K., der mit seinem Mercedes in einem Video in Hollerich gesehen wurde?“

In seinem Plädoyer nahm Me Grasso die Mutter seines Mandanten in Schutz. Die Mutter hätte ihrem Sohn kein Alibi verschafft, so wie die Gegenpartei es behaupte, meinte Grasso. „Et as Madame K. déi d’Police geruff huet.“ „Dat wat den S. Iech hei erzielt, ass nët wouer“, sagte Me Grasso.

Kokain hat eine aufputschende Wirkung, es kam zu Überschätzungen und Hemmungslosigkeit bei ihrem Sohn. Dadurch wurde sein Leben immer unkontrollierbarer. Die Drogen hätten seine Tagesgestaltung bestimmt. Die große Gefahr lag darin, dass sich die psychische Abhängigkeit sehr schnell einstellte und er immer aggressiver und unberechenbarer wurde. Dass einer von beiden den Dealer in den Kopf geschossen hat, sei eine Tatsache. Ob es Absicht war, das ist für den Verteidiger Grasso mit einem großen Fragezeichen versehen. „Ich denke, dass die außergewöhnliche Tat auf die Toxikomanie zurückzuführen ist. Ich habe immer ein Problem mit der Glaubwürdigkeit der Aussagen“, sagte Grasso und forderte Freispruch für seinen Mandanten. Wenn das Gericht der Meinung sei, dass K. doch schuldig sei, so beantragte Grasso mildernde Umstände für seinen Mandanten.

Der Prozess wird heute fortgesetzt.