LUXEMBURG
LIZ MIKOS

Sophie Jungs Ausstellung im Casino Luxembourg lässt Raum für individuelle Wahrnehmungen

Stehen sie für sich, in Beziehung zueinander und wenn ja, in welcher? Sophie Jungs Ausstellung „They Might Stay the Night“ wirft bei den Besuchern, aber auch bei ihr selbst eine Vielzahl an Fragen auf - und das gewollt. Die Künstlerin, die eigentlich eher für ihre Performance bekannt ist, hat sich dieses Mal dafür entschieden, ihre Werke für sich sprechen zu lassen. Alle Teile stehen irgendwie miteinander in Verbindung, doch wie, das liegt im Auge und der Fantasie des Betrachters. Eine „ursprüngliche Idee“ oder „universelle Bedeutung“ gibt es in ihrer Ideologie und ihrem Kreieren nicht. Ihr sogenanntes „Zeug“ soll für sich sprechen, nicht in eine Schublade gesteckt werden und schon gar keine fixe Bedeutung haben. Alles kann alles bedeuten, Kunstbegeisterte können ihr Kopfkino abspielen und sich von den Objekten und Skulpturen auf ganz individuelle Reisen entführen lassen. Der ideale Besucher, so Sophie Jung, liest sich den Ausstellungskatalog und Titel der Werke durch und lässt sowohl die Skulpturen als auch die Architektur des Casino Luxembourg auf sich wirken bevor sich eine Meinung gebildet wird. Ein neuer Abschnitt und auch ein Risiko für die Künstlerin, da sie tatsächlich erstmals den Schritt wagt, einzig und allein die Skulpturen sprechen zu lassen - ganz ohne Show drum herum und ohne den Fokus auch nur einmal kurz auf sich selbst zu lenken.

Organisiertes Chaos

Wer denkt, dass Chaos und Organisation nicht zusammen passen, hat sich mit Sicherheit noch nicht mit Sophie Jungs Werken auseinander gesetzt. Obschon Ziel der Ausstellung ist, dass sie ihre eigene Geschichte erzählen soll, sind die Skulpturen nicht einfach willkürlich im Casino platziert worden. Während rund drei Wochen vor Beginn der Exposition befasste sich die Künstlerin mit den Räumlichkeiten und analysierte genauestens, welches Werk wohin passen könnte, welche Skulpturen beieinander stehen sollen, um sie auch farblich aufeinander abzustimmen, und wie sie am besten in den Raum integriert werden können. Es geht nämlich um weitaus mehr als nur Ästhetik, denn Storytelling ist, was die vielen unterschiedlichen Puzzleteile zu einem Ganzen macht. Daher wirkt die Ausstellung zwar auf den ersten Blick, wie ein bunt zusammengewürfeltes Chaos aus allen möglichen Formen, Materialien und Textilien, ist aber in seinem Konzept alles andere und fast schon akribisch durchdacht.
Genauso sind nicht nur die Kunstwerke miteinander verbunden, die im selben Raum angeordnet sind. Denn auch wenn diese Organisation durchdacht ist, gibt es unendlich viele andere Möglichkeiten, die Dinge anzuordnen, woraus wiederum eine andere Geschichte entstehen würde.

Genau das ist es, was Sophie Jung erreichen will: Leute sollen sich Gedanken machen, nach Zusammenhängen oder Unterschieden suchen und sich bestenfalls untereinander austauschen, um die Vielfalt aller Gegenstände noch mehr zu verdeutlichen. Man soll sich von der Vorstellung einer allgemeingültigen Wahrheit entfernen, die Dinge dekonzeptualisieren und die Vielfältigkeit und Komplexität des einzelnen Werkes auf sich wirken lassen und merken, wie viele Bedeutungen ein einziger Gegenstand haben kann. Das ist auch die Vorgehensweise von Sophie Jung, die selbst nicht so recht beschreiben kann, was sie denkt, wenn sie eine bestimmte Skulptur anschaut. „Ich denke so viele Dinge, die miteinander im Konflikt stehen“, erklärt sie ihre Gedankenprozess und ihre Wahrnehmung, die stets ändern können je nach dem wo, wie und in welcher Zusammensetzung ihre „Kreaturen“ sich im Raum befinden. Zumal sie zu jedem Gegenstand eine ganz besondere Bindung hat. Einige besitzt sie seit Jahren, andere rettete sie vor der Müllabfuhr, noch andere sind erst seit kurzem in ihrem Besitz, doch eines haben sie alle gemeinsam: sie sind von einer Geschichte und einem Leben vor der Ausstellung geprägt, was sie umso einzigartiger macht. Grundlegend bei der Visite dieser Expo ist also neutral an diese Erfahrung heranzugehen und sich im Klaren zu sein, dass es für nichts „die eine“ Definition gibt, sondern unendlich viele Interpretationsmöglichkeiten.

Mehr Autonomie

Für Sophie Jung bedeutet dieses Experiment, dass „ihre Kinder die Chance auf mehr Autonomie“ bekommen. Sie wird an den nächsten Wochenenden vor Ort sein, sich immer wieder neu inspirieren lassen und Menschen, die Fragen haben, mit Antworten versorgen. Doch eine aktive Rolle spielt sie in der Ausstellung nicht mehr. Die Skulpturen gerieten zuvor immer ein wenig in den Hintergrund, da die Leute sie, die Performerin, anschauten. Ein Gefühl, das die Künstlerin zwar stets genoss, aber auch ein wenig bedauerte, weil die Kulisse vor der Performance da war und ebenso viel Beachtung verdient. Nun sieht sie sich in der Rolle der Lehrerin, die sich um ihre Schüler sorgt und sich um sie kümmert, ohne ihnen das Rampenlicht zu stehlen.

Einen Schritt zurückzutreten gibt ihr nun allerdings auch die Möglichkeit den Ausstellungskatalog so individuell wie noch nie zuvor zu gestalten. Neben dem begleitenden Text, der selbstverständlich auch keine Definition der Ausstellung liefert, sondern einen in die Stimmung und in die Erfahrung der Expo einführen soll, wird sich Jung nochmals mit jeder ihrer Kreationen einzeln beschäftigen, sich anhören, was sie zu erzählen haben und erst anschließend beziehungsweise währenddessen Texte zu den verschiedenen Figuren verfassen. Somit wird sie sich beim Schreiben des Katalogs von der Autonomie ihrer „Kinder“ inspirieren lassen und quasi Momentaufnahmen niederschreiben. Das in Form von Texten, Geschichten, Fotos und Zeichnungen, die noch vor Ende der Show als Teil der Ausstellungen und als eine Art schriftliche Performance dienen sollen. Die Künstlerin wird ihr Werk demnach selbst kommentieren und diesen inneren Dialog mit allen Kunstbegeisterten teilen.

Die Ausstellung kann noch bis zum 7. Juni im Obergeschoss des Casino Luxembourg besucht werden, Zudem leitet Sophie Jung am 14. März von 11.00 bis 16.00 eine „Master Class und Schreibwerkstatt“ für die man sich unter visites@casino-luxembourg.lu oder +352 22 50 45 anmelden kann, Gebühr für den Workshop ist 30 Euro.