NIC. DICKEN

Zumindest einigen der Parlamentsabgeordneten, die sich mit ernsten Gesichtern am vergangenen Samstagvormittag an der zivilen Zeremonie zum diesjährigen Nationalfeiertag in der festlich geschmückten Philharmonie beteiligten, dürfte ein nicht unwesentlicher Teil der Ansprache von Großherzog Henri sauer aufgestoßen sein. Immerhin unterstrich der Staatschef in dieser Rede, wie sehr die Vielfalt der in Luxemburg eingebürgerten Kulturen mittlerweile zu einem prägenden Element unserer nationalen Identität geworden ist und hat damit sicher nicht jenen aus Herzen gesprochen, für die sich die luxemburgische Identität im wesentlichen auf „Bouneschlupp“, „Kachkéis“, „Quetschekraut“ und ein mehr schlecht als recht geschriebenes „Lëtzebuergesch“ beschränkt.

Dafür hat Großherzog Henri jedoch in besonderem Maße unterstrichen, dass ihm der seit Jahrzehnten anhaltende Wandel in unserer Gesellschaft sehr wohl bewusst ist und dass dieser Wandel durchaus auch eine echte Stärke ist, weil die multikulturelle Zusammensetzung unserer Bevölkerung , die allen Menschen eine Chance bietet und sich durch breite Toleranz, Respekt und Offenheit auszeichnet, als exemplarisch in Europa und in der Welt gelten könne. Ganz besonders hob das Staatsoberhaupt die Tatsache hervor, dass Luxemburg eine friedfertige Nation sei, in der der extreme politische Diskurs kaum Resonanz finde.

Auch wenn der Großherzog mit dieser Einschätzung absolut richtig lag, so wird die in den nächsten Monaten anstehende Wahlkampagne doch von einzelnen Teilen der politischen Landschaft einmal mehr dazu missbraucht werden, eine Spaltung in der Gesellschaft herbeizuführen, die es in der täglich gelebten Form nicht gibt.

Verantwortungsbewusste Menschen in diesem Land wissen längst, dass dieses Land ohne die Mitwirkung von Berufspendlern aus den benachbarten Grenzregionen und ohne den dauerhaften Beitrag von Zehntausenden aus allen Teilen der Welt zugereister Fachkräfte überhaupt nicht funktionieren würde. Viele von ihnen sprechen mittlerweile nicht nur unsere Sprache, sondern beteiligen sich wie selbstverständlich am gesellschaftlichen und politischen Leben, auch wenn nach wie vor Tendenzen zu Absonderung und Ausgliederung nicht zu leugnen sind. Diese zu beseitigen, wird allerdings wohl noch einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Nicht leugnen kann man indes, dass am Ende die luxemburgische Identität darunter keineswegs gelitten hat, wie jüngste Veröffentlichungen des Statec zeigen: Nie zuvor in der Geschichte dieses Landes hatten mehr Menschen die luxemburgische Nationalität, nie zuvor haben mehr Menschen die luxemburgische Sprache gesprochen.

Und ob es passt oder nicht, aber den Wohlstand, den die Einwohner dieses Landes heute so sehr zu schätzen wissen, verdanken sie in erheblichem Ausmaß eben auch jenen Leuten, die ihre anderweitig erworbene Kompetenz mit nach Luxemburg gebracht und sich fachlich wie menschlich in diese Gesellschaft eingebracht haben. Sie haben damit unserer weltoffenen Identität einen großen Dienst geleistet.