LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Neun Seiten für die Kultur: Wir haben uns das Koalitionsabkommen angeschaut

Knapp neun Seiten werden dem Thema Kultur im Koalitionsabkommen gewidmet. Die kommende Regierung spricht sich für eine inklusive, partizipative und offene Kulturpolitik aus. Einleitende Sätze wie „Le secteur culturel sera renforcé en développant une politique culturelle pour laquelle le plan de développement culturel ‚KEP 1.0‘ constitue une base de discussion essentielle et en prévoyant des moyens adéquats“ stimmen wohl zuversichtlich, vorausgesetzt natürlich, es handelt sich nicht um leere Floskeln. In einer ersten Phase soll der KEP nun analysiert werden, um die Maßnahmen, die sofort, beziehungsweise kurz- oder mittelfristig umsetzbar sind, herauszufiltern und möglichst schnell die dazu nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Die Kulturpolitik müsse die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, um es Künstlern und Kreativen zu erlauben, ihre Aktivitäten in voller Freiheit auszuüben. „En effet, il ne suffit pas que l’offre culturelle soit riche et excellente, il faut qu’elle puisse être réellement partagée par tous en veillant à inclure les personnes a priori plus éloignées de la culture“, heißt es. Künstler und kulturelle Akteure genau wie nationale, regionale oder lokale Kulturinstitutionen, kulturelle Vereinigungen, die freie Szene, Gemeinden und so weiter sollen in die künftigen Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

KEP 1.0 als Basis

Wichtige Forderungen, die während der „Assises culturelles“ geäußert wurden und schließlich in den Kulturentwicklungsplan einflossen, werden auf diesen neun Seiten aufgegriffen. So wird etwa die Schaffung eines „guichet unique“ für Künstler und Kulturinstitutionen zwecks Beratung, Information und administrative Unterstützung aufgelistet. Außerdem sollen insbesondere kleine Strukturen vermehrt unterstützt werden. Auch dies ist eine langjährige Forderung - besonders der kleinen privaten Theaterstrukturen. Da diese ihr gesamtes Budget in Produktionen stecken, sollen sie eine spezifische Beihilfe erhalten, um die administrative und technische Organisation gewährleisten zu können. Die Finanzierung der großen Produktionsstrukturen soll derweil einer neuen Bewertung unterzogen werden.

Eine Studie über die juristischen Möglichkeiten, um das Steuersystem für Künstler und kulturelle Unternehmen zu verbessern, wird durchgeführt, dies unter anderem mit dem Ziel, einen reduzierten Mehrwertsteuersatz auf künstlerische und kulturelle Dienstleistungen einzuführen. Über die Notwendigkeit, das Gesetz vom 19. Dezember 2014 anzupassen, das sich auf die Sozialabgaben der freischaffenden Kulturakteure bezieht, soll auch nachgedacht werden. Die Wiedereinführung des „congé culturel“ unter neuen Bedingungen wird diskutiert.

Projekte, die endlich zu einem Abschluss kommen

Das Projekt des Baus eines neuen Gebäudes für die Nationalarchive wird finalisiert, genau wie die Reform des Gesetzes den nationalen Denkmalschutz betreffend zu einem Abschluss gebracht wird. Mehr Wert wird zudem auf die Valorisierung des Kulturerbes sowie die Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit gelegt. In diesem Kontext sollen etwa die Bestände der Museen sowie Kulturinstitute gezielter zur Geltung gebracht werden, zum Beispiel im Rahmen von Ausstellungen oder Veröffentlichungen. Die Digitalisierung bietet diesbezüglich ebenfalls Potenzial, das es auszuschöpfen gelte. Unterstützung wird versprochen. Realisiert wird auch die in Aussicht gestellte Gründung einer Nationalgalerie.

Um die Bibliotheken attraktiver zu gestalten, werden sie dazu ermutigt, kulturelle und gesellschaftliche Aktivitäten zu organisieren, um sich so neuen Publikumsschichten zu öffnen. Das Gesetz über die Bibliotheken wird zudem einer kritischen Analyse unterzogen. Die Schaffung neuer regionaler und lokaler Bibliotheken wird ins Auge gefasst. Regionen, in denen ein solches Angebot fehlt, sollen von einem „Bicherbus“ angesteuert werden.

Mehr Kultur in den Schulen - Zugang zum Musikunterricht

In der Schule sollen kulturelle Aktivitäten verstärkt Einzug erhalten. Dazu wird beispielsweise das Angebot rund um das Projekt „Kulturama“ ausgebaut, das außerdem zusätzliche Mittel erhält. Das Gesetz über den Musikunterricht wird überprüft. Der Zugang zu Kursen soll für jedermann garantiert sein, weshalb die Zusammenarbeit zwischen Musikschulen sowie Konservatorien und Bildungseinrichtungen sowie Auffangstrukturen für Kinder verbessert wird. Die ersten Musikunterrichtsjahre werden zudem im ganzen Land kostenfrei. Außerdem werden die Preise der einzelnen Musikschulen harmonisiert.

Mehr Raum für die Künstler

Um den luxemburgischen Künstlern und Akteuren der Kreativindustrie zu erlauben, sich bestmöglich zu entwickeln, werden zusätzliche Ausstellungsmöglichkeiten, Ateliers und Arbeitsräume zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung gestellt, dies nach dem Vorbild des Kreativzentrums 1535° in Differdingen. Eine intensivere Nutzung der Räumlichkeiten der regionalen Kulturzentren als Orte des künstlerischen Schaffens sowie für Künstlerresidenzen wird versprochen. Auch in der und um die „Villa Louvigny“ soll etwas passieren: Dort wird ein Kreationszentrum für Künstler entstehen. Der vorhandene Konzertsaal wird aufgewertet.

Aufwertung der Südregion über Esch 2022 hinaus

Das Projekt „Esch 2022 - europäische Kulturhauptstadt“ erfährt die volle Unterstützung der Regierung. Im Koalitionsprogramm wird derweil gleichzeitig unterstrichen, dass die Anstrengungen, die Südregion aufzuwerten und aus ihr einen kulturellen wie touristischen Anziehungspunkt zu machen, nach 2022 fortgeführt werden müssen. Das andere große Leitprojekt UNESCO-Label „Réserve de Biosphère“ für die Südregion wird ebenfalls mitgetragen. Esch 2022 und das Syndicat Pro-Sud werden sowohl logistisch als auch finanziell unterstützt.

Ferner wird die mögliche Umsetzung eines leistungsstarken Instruments (Luxembourg for Culture - LC4) zwecks Förderung der Künste und Kultur untersucht. Um die Künstler auf ihrem Weg ins Ausland zu begleiten und Luxemburgs Kulturszene somit über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen, werden ebenfalls zusätzliche Anstrengungen unternommen. Künftig soll der Kultursektor systematischer in offizielle Auslandsvisiten und -missionen eingebunden werden.

Sicherlich hätte man sich noch andere Punkte im Kapitel Kultur wünschen können. Bleibt am Ende jedoch ohnehin die Frage - wie in allen anderen Ressorts natürlich auch - inwieweit das Budget nach oben angepasst werden soll, damit diese, zweifelsohne lobenswerten Vorhaben auch tatsächlich in die Tat umgesetzt werden können.