LUXEMBURG
DANIEL OLY

„Virtual Reality“ ist bei der Wohnungsgestaltung das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Ein Wohnungsbesuch, ganz ohne Verpflichtung. Sieht recht schick aus, aber die Farbe an den Wänden gefällt nicht. Da muss man doch was tun: Zielen, abdrücken und schon erstrahlen die vier Wände in einer neuen Farbpracht. Ist doch gleich viel schicker.

Möglich macht das ein Produkt des Startups „Cognityk 360 Solutions“, das uns mit einem Virtual Reality-Headset des Herstellers HTC direkt in die virtuelle Wohnung eintauchen lässt. Und mit den zwei handlichen Controllern des „Vive“-Headsets lassen sich dann sogar die Wände dekorieren - und mehr.

Einmaliges Produkt bieten

„Die Möglichkeiten sind eigentlich unbegrenzt“, erklärt „Cognityk“-Mitbegründer Jérome Nalin. Das gesteckte Ziel: Eine möglichst lebensechte Wohnung abzubilden, die man dann virtuell erkunden kann. Vorbei sind dann die Zeiten, als man auf Blaupausen die wichtigsten Winkel der Wohnung nur erahnen konnte: Mit dem virtuellen Modell von „Cognityk“ lässt sich hinter die Wandschranktür schauen, den Abstellraum begutachten, das Zimmer neu streichen. Damit hat man ein ziemlich einmaliges Produkt im Angebot.

Doch woher kommt es? „Cognityk 360 Solutions“ wurde im September 2015 von Jérome Nalin und Gaël Constancin, gegründet und beschäftigt momentan neben Constancin auch einen Software-Entwickler, der die Programmier-Arbeit hinter den Kulissen macht. Nalin und Constancin sind Jugendfreunde: Sie kennen sich seit 30 Jahren und haben beschlossen, das Startup gemeinsam zu gründen, weil sie eine Marktlücke entdeckt haben: Constancin hat zuvor acht Jahre lang in der Bauwirtschaft gearbeitet. Schon damals beschäftigte er sich mit Visualisierungen in Videoform für den Bau von Häusern in der Großregion um Luxemburg und Thionville. Er konstatierte einen gewissen Bedarf an Transparenz: „Der Markt hatte eine rege Nachfrage nach Visualisierungen von Bauprojekten. Ein VR-Produkt ist der nächste logische Schritt“, erklärt der Gründer. Sein Gründungspartner Nalin arbeitet noch nicht für die Firma, der Einstieg ist aber für 2017 geplant. Seine Beschäftigung im Finanzsektor erlaube es ihm aber bislang noch, leichter Bande zu großen Partnern in der Immobilienbranche zu knüpfen.

Enger Kontakt mit dem Markt

Das kommt nicht von ungefähr: Die Kontakte in der Branche sind von dem seit vier Monaten verfügbaren Virtual Reality-Produkt fasziniert, drei Kunden hat man schon an Bord holen können. „Sie verhandeln höchstens am Preis, sind aber vom Produkt begeistert“, erklärt Constancin. Jetzt gelte es, sich am Markt zu etablieren: Acht weitere Kunden dürfen es ruhig noch sein, zehn Kunden sind das gesteckte Ziel. Dabei hat man seine Augen auch auf Luxemburg als Priorität gelegt. „Wir wollen vorerst hauptsächlich regional in Premium-Regionen wie Paris und Luxemburg durchstarten“, erklärt der Gründer. „Das sind ziemlich konzentrierte, engere Märkte. Das macht es leichter, eine Marktpräsenz aufzubauen und die Kunden mit dem Produkt bekannt zu machen“, meint Constancin

Jetzt kommt es auf die nächsten Schritte in der Entwicklung des Produktes an: Wer auf dem knallharten Premium-Markt Luxemburgs oder in Paris überleben will, muss auch selbst Qualität bieten - soweit die Maxime. Deshalb entwickle man ständig bessere, akkuratere Modelle. Dabei will „Cognityk“ auch auf eine mögliche Zusammenarbeit mit Herstellern aus der Branche setzen: Detaillierte Objekte mit den korrekten Maßen, direkt vom Hersteller, sind eines der Ziele.

Zukunftssicher

Denn: Die Macher glauben steif und fest, dass der Markt in fünf Jahren fast ausschließlich über VR-Präsentationen läuft. „Wir sind überzeugt, dass in ein paar Jahren VR-Besichtigungen zum guten Ton gehören“, meint Constancin hierzu. „Bislang ist das Ganze aber noch ein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal.“ Das dürfte auch auf absehbare Zeit so bleiben, denn eine wirkliche Konkurrenz zeichnet sich nicht ab. „Es gibt mehrere Produkte, die etwas Ähnliches tun, zum Beispiel für den Ingenieur-Bereich oder für medizinische oder technische Zwecke. Aber am Design-und-Immobilienmarkt sehen wir uns bislang recht alleinstehend“, erläutert Constancin. Das VR-Projekt für die Wohnungsbesichtigung ist also bislang europaweit einzigartig. Aber bei Startups ist das so eine Sache: „Die meisten Startups sind so klein wie wir, es ist also gut möglich, dass wir eins verpassen. Auszuschließen ist es nicht.“ Trotzdem wollen sie auch weiterhin der Marktführer sein und verstehen sich auch definitiv so. Das Feedback, das „Cognityk“ auf Messen einfährt, deute aber eindeutig in diese Richtung: „Große Unternehmen mit riesigen Forschungsabteilungen haben sicherlich schon mit der Idee gespielt, aber unser Produkt ist dennoch recht neu und spektakulär.“

Damit das auch so bleibt, will man bei „Cognityk“ in Zukunft noch weitere Pläne verfolgen: So plane man einen Service, mit dem Privatkunden ihre Wohnungen nach dem Kauf in der Virtuellen Realität ummöblieren können. Die Idee: Vor der Renierung feststellen, welche Arbeiten wirklich nötig sind und wie diese nachher aussehen werden. Dabei will man auch mit (Innen-)Architekten und Einrichtungsspezialisten kooperieren. Dafür nutzen „Cognityk“ Scans der Wohnungen, die mit einer sogenannten „Matterport“-Kamera aufgenommen werden. Der Start soll das zweite Semester des kommenden Jahres sein.