LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

„Farinelli And His Time“ mit Cecilia Bartoli in der Philharmonie

Wie man sich eine Steigerung der letztjährigen Vivaldisoiree mit der Ausnahmesolistin vorstellen könnte, mochte kaum einer in Erwägung gezogen haben, aber die überzeugende Bühnenpräsenz der Sängerin übertraf wieder einmal alle Erwartungen. Die Stärke Cecilia Bartolis liegt ohne Zweifel in der gebündelten Kraft ihrer stimmlichen Aussagekraft, der perfekt kontrollierten Artikulation und der intensiven dramaturgischen Inszenierung, die einmalig den Klangkörper dieser anspruchsvollen Arien der Paraderollen mit ihren außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten widerspiegeln. Ihre ausgeprägte, betörende, manchmal stürmische Linienführung, sowohl in tiefen wie in höchsten Lagen, ist nach wie vor ein sensationelles Ausnahmeerlebnis.

Vergessene Kompositionen des Barock

Ein Hauptanliegen Bartolis war es seit jeher, unbekannte oder vergessene Kompositionen des Barock oder der damaligen Hofmusik einem breiteren Publikum in ihrer lockeren aber tiefgründigen Art und Weise zugänglich zu machen. Oder kannten Sie Leonardo Vinci (1690-1730), nicht zu verwechseln mit Leonardo Da Vinci und Leonardo Leo? So waren dann am Sonntag neben Händel, Caldara und Porpora eher nicht so gängige Komponisten wie Giacomelli oder die bereits erwähnten Leonardos programmiert, was eine willkommene Bereicherung und Neuentdeckung für die Liebhaber der Vokalkunst des 18. Jahrhunderts mit Schwerpunkt auf dem Repertoire des Kastraten „Farinelli“, dem Popstar dieser Epoche, bedeutete. Neben den mit absoluter Perfektion in puncto freier Empfindungen und einzigartiger Publikumsnähe vorgetragenen virtuosen, gesanglichen Kleinoden der vorklassischen Ära, boten die vorzüglichen Musiker und die erlesenen Solisten „Les Musiciens du Prince -Monaco“ unter der Leitung des hochgeschätzten Mailänder Spezialisten für alte Musik Gianluca Capuano, die ausnahmslos auf historischen Instrumenten spielten, eine exemplarische Demonstration des instrumentalen Klangreizes dieser Zeit.

Nach einer „Sinfonia“ von Georg Friedrich Händel verblüffte der Oboist des Ensembles mit einer mitreißenden Instrumentalversion, Thibaud Robinne interpretierte die beiden Allegros aus dem Trompetenkonzert von Joachim Friedrich Fasch, und Solist Jean-Marc Goujon überzeugte mit einem Auszug aus Quantz‘ berühmten Flötenkonzert. Hervorzuheben sind außerdem die wunderbare Begleitung des Mannes im Hintergrund, dem Théorbe spielenden Miguel Rincon Rodriguez, der gegen Schluss des Konzerts wunderschöne Duette mit dem Solocellisten intonierte. Natürlich war das charmante, italienische Temperament Cecilia Bartolis für die einzigartige Gestaltung mit atemberaubendem, emotionalem Tiefgang verantwortlich, und die „Show“, so kann man die abwechslungsreiche Inszenierung betiteln, veränderte die Mezzo-Sopranisten mit dem zweieinhalb Oktaven fassenden Stimmumfang, mehrmals in der auf der Bühne aufgebauten Garderobe ihr Outfit, konnte das zu einem ungewohnten Anteil aus jüngeren Zuhörern bestehende Publikum, ohne Einschränkung überzeugen.

Das schönste Geschenk, das Bartoli dem restlos enthusiastisch applaudierenden Publikum offenbaren konnte, war die bewegende Interpretation von Händels „Lascia la spina, cogli la rosa“ als dritte Zugabe.