PATRICK WELTER

Angesichts der vielen Zeitzonen ist noch nicht ganz raus, ob Russland gestern oder sogar schon vorgestern über eine neue Verfassung abgestimmt hat. Kein Referendum sondern nur so etwas wie eine institutionalisierte Volksbefragung. Ein Referendum hätte festen Regeln unterlegen, die hätte man ändern müssen. Aber mit so einem Kleinkram hält sich Vladimir nicht auf. Das Volk soll die neue Verfassung einfach plebiszitär für gut befinden. Der Kreml erwartet eine Wahlbeteiligung von mindestens 55 Prozent und eine Zustimmung von 60 Prozent. Das ist eine der angenehmen Seiten an Vladimir P., im Gegensatz zu seinen sozialistischen Vorvorgängern hält er die Welt nicht für blöd. Die alten Herren schon, denn sie haben immer 99 Prozent erreicht...

Wahrscheinlich muss Vladimir Putin gar nicht zur Wahlfälschung greifen. Die Gegner der Reform sind mundtot gemacht worden - immerhin nur mundtot. Für das Volk sind ein paar nette Bonbons in die neue Verfassung eingebaut worden: Unter anderem keine Renten mehr unter dem Existenzminimum. Die Patrioten und Nationalisten werden mit Paragrafen gelockt, die den Einfluss internationaler Gerichte auf Russland drastisch beschneiden - es lebe die russische Krim! Putin wird seine Mehrheit kriegen.

Die Verfassung hat natürlich auch eine Kehrseite bei der man an das böse Wort „Ermächtigungsgesetz“ denken muss. Bonbons gibt es nur, wenn der Zar bleibt. Putin wurde öffentlich angefleht, nach zwei Amtszeiten (alte Verfassung) nicht zu gehen, sondern zu bleiben. Natürlich nur für zwei Perioden, wie es klar in der neuen Verfassung steht. Allerdings wird erst ab dem Inkrafttreten der neuen Verfassung gezählt. Clever, die bisherigen vier Amtszeiten Putins fallen damit unter den Tisch. Darauf muss man erst mal kommen.

So bitter es ist, man muss Putin und seine KGB-Jungs zähneknirschend bewundern. Da sind Könner am Werk und im Vergleich mit ihren Altvorderen, egal ob Zaren, Stalin oder KPdSU, sogar ziemlich unblutig. Kaufen statt Kopf ab. Das Baltikum und Polen können froh sein, dass ihre Nato-Aufnahme lange vor der Ära-Trump geschah, dem Vollidioten wäre das zu teuer gewesen. Von der Ostseeküste wird Putin die Finger lassen - zu heiß. Aber braucht er diese Einflusssphäre noch? Dank Washingtoner Dummheit steht er heute fest mit Truppen und Gerät in Syrien, Libyen und kann bestens mit den Mullahs in Teheran.

Putin hat auch die Natur zum Verbündeten. Selbst wenn durch den Klimawandel die Böden in Sibirien auftauen und die dortigen Siedlungen in Schieflage geraten, gehört Russland zu den Klima-Gewinnern: Die Nord-Ost-Passage, der Seeweg entlang der Nordküste Sibiriens, wird bald ganzjährig eisfrei sein. Im gleichen Maß wie die nördliche Polkappe schmilzt, wird Russland dort Ansprüche geltend machen.

Putin steht bei allen Erfolgen drei großen Herausforderungen gegenüber: Da ist zunächst das miese Corona-Management, dann die Nachbarschaft zu China, die bestenfalls eine kalte Respektbeziehung ist, und er muss ohne Gesichtsverlust raus aus der Ostukraine, um mit der EU wieder ins Reine zu kommen - die Krim wird ihm Europa früher oder später verzeihen. Spätestens 2036, wenn er als Präsident in Rente geht.