LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Mit einmonatiger Verspätung konnte die Kollektivausstellung „Fuel Box IV“ eröffnet werden

Bestimmt riecht es noch nach frischer Farbe. Könnte man sich zumindest vorstellen, ohne es tatsächlich bestätigen zu können, denn das Riechorgan steckt dieser Tage natürlich hinter einer Atemschutzmaske. Sicher ist aber, dass hier bis zum Schluss kreativ gewerkelt wurde. Mit „hier“ ist die Halle des ehemaligen „AS Adventure“-Geschäfts in Howald gemeint, in der gerade die Kollektivausstellung „Fuel Box IV“ läuft. Bis kurz vor der offiziellen Eröffnung am Donnerstag stand „Street Artist“ Raphael Gindt noch vor dem Gebäude auf der Hebebühne, um sein farbenfrohes Graffiti an der Außenwand fertigzustellen. Er ist einer von 80 Künstlern, die an dieser kurzlebigen Expo beteiligt sind, bevor der Gebäudeblock der Abrissbirne zum Opfer fällt. Eigentlich hätte sie bereits am 1. April eröffnet werden sollen. Mit Vernissage und allem Drum und Dran selbstverständlich. Daraus wurde wegen der Corona-Pandemie jedoch nichts. Die zweite Phase der Lockerung der Beschränkungen ermöglichte nun einen Monat später als geplant den Startschuss. Ohne Vernissage. Ohne Drum und Dran. Ohne Umarmungen und Sekt. Dafür aber mit Maske, Sicherheitsabstand und Desinfektionsmittel.

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Bewährtes Konzept

Wie der Name „Fuel Box IV“ unschwer erahnen lässt, ist es bereits die vierte Expo dieser Art, allerdings die erste, die unter solchen Bedingungen stattfindet. Noch fühlt es sich für die meisten wohl komisch an, sich mit Schutzmaske durch eine Ausstellungshalle zu bewegen und mehr denn je darauf zu achten, niemandem zu nahe zu kommen. „Wir sind froh, dass wir nun überhaupt eröffnen durften“, sagt uns Laurent Turping. Unter dem Impuls von Yvette Rischette und ihm wurde „Fuel Box IV“ auf die Beine gestellt, diesmal mit der Unterstützung von André Depienne und Jean-Paul Thiefels. Die dritte Auflage fand letztes Jahr im Showroom und der Werkstatt eines verlassenen Autohauses in Strassen statt. Damals waren 56 Künstler aus Luxemburg und der Großregion mit von der Partie, diesmal sind es sogar 80. Klar, dass es einiges zu entdecken gibt, und das noch dazu an einem ungewöhnlichen Ort. Anders als in den üblichen Kunstgalerien, wo alles seine strikte Ordnung hat, hängen die Bilder hier nicht streng in Reih und Glied an sterilen weißen Wänden. Ganz im Gegenteil, die Mauern und Böden wurden von vielen Künstlern einfach mit ins Werk eingebunden und kunstvoll verziert.

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Besondere Umstände

„Schade ist natürlich, dass wir den kollektiven Geist unter den gegebenen Bedingungen nicht noch mehr in den Vordergrund rücken konnten. An verschiedenen Abenden hatten wir wieder unsere ,Table d´artistes´ geplant, wo die Leute also gemeinsam im Kollektiv hätten essen können. Das ist nicht möglich. Auf die große Eröffnungsvernissage mussten wir ebenfalls verzichten.

Bewusst haben wir uns auch in Sachen Kommunikation und Werbung etwas zurückgehalten, um zu verhindern, dass gleich am Anfang zu viele Leute kommen. Wäre die Corona-Pandemie nicht gewesen, hätten wir alles viel größer aufgezogen“, bedauert Laurent Turping. Man musste sich den Umständen anpassen.

Die Kreativität der Künstler konnten diese Umstände jedoch nicht bremsen, davon kann sich jeder Besucher überzeugen. Wann bietet sich sonst schon die Gelegenheit, die Werke von so vielen verschiedenen Künstlern gebündelt an einem Ort zu sehen und eine derartige künstlerische Bandbreite zu entdecken? Tatsächlich ist jedes Genre vertreten, von Graffiti und Installation über klassische oder sehr abstrakte Gemälde bis hin zu Fotografien und Skulpturen aus verschiedenstem Material. Das Besondere an „Fuel Box“ ist aber ganz klar, dass direkt mit dem Raum gearbeitet wird, sodass im Endeffekt aus der ausgedienten Halle ein außergewöhnliches Gesamtkunstwerk entstanden ist. Jeder Winkel wurde ausgenutzt, sogar die früheren Umkleidekabinen.

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Künstlerische Freiheit

80 interessierte Künstler zu finden, sei nicht schwer gewesen, erzählt Turping. „Es ist ja bereits die vierte Auflage, ich denke, dass wir uns inzwischen ein bisschen einen Namen gemacht haben. Die Leute aus der Kunstszene wissen, dass es sich lohnt, mitzumachen. Der Platz hätte sich sogar für eine noch größere Beteiligung angeboten, aber, ohne jetzt pejorativ zu klingen, versuchen wir ein gewisses Niveau zu bieten“, meint er. Dass es nun mit einmonatiger Verspätung endlich losgehen konnte, habe auch die Künstler gefreut. „Es herrscht ja doch eine gewisse Aufregung und Unsicherheit, weil so viele Ausstellungen abgesagt wurden und Aufträge weggebrochen sind. Umso größer war natürlich die Freude, dass sich jetzt mit dieser Ausstellung etwas bot, auf das sie hinarbeiten konnten“, weiß Turping. Das Konzept, den Künstlern freie Hand bei der Gestaltung ihrer Wand oder ihres Raums zu lassen, hat sich auch diesmal bewährt. Frei von jeglichen Zwängen und ohne Rücksichtnahme auf die Örtlichkeiten, die ohnehin bald abgerissen werden, waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Dass diese Expo nicht vordergründig einen kommerziellen Zweck verfolgt, wird auch schnell klar. Eine mit Graffiti kunstvoll gestaltete Wand lässt sich schließlich nicht verkaufen. „Wir sind hier nicht in einer Kunstgalerie, wo man in der Hoffnung ausstellt, möglichst viel zu verkaufen. Hier haben die Künstler die Gelegenheit, und das ist auch unser Wunsch, direkt vor Ort zu arbeiten und sich frei auszudrücken. Sie haben die Möglichkeit etwas Besonderes zu schaffen, sich und ihre Kunst somit von einer anderen Seite zu zeigen und sich dadurch letztlich auch einen Namen zu machen. Es geht nicht ums Geld, sondern um das Kollektive, um die Lust, mitzumachen und etwas Schönes zu zeigen“, erklärt Turping.

Das war auch die Motivation für Künstlerin Carmen Schlammes, die wir während unseres Rundgangs treffen. „Ich stelle natürlich auch in Galerien aus, wo ich meine Bilder symmetrisch an die Wand hänge und wo es tatsächlich eher um den Verkauf geht. Das hier ist für mich immer so ein Raum, wo man sich ausleben kann, wo es mir überhaupt nicht darum geht, etwas verkaufen, sondern mich auszutoben. Man hat einfach eine immense Freiheit, kann richtig loslassen, ohne Angst zu haben, etwas kaputt zu machen. Das ist richtig befreiend“, lacht sie. Während bei Kollektivausstellungen in Kunstgalerien noch dazu darauf geachtet wird, dass alle Werke irgendwie miteinander harmonieren, sei es in dieser Expo unwesentlich, was der Nachbar in seinem Bereich mache. „80 Leute teilen sich den Ausstellungsraum, und es läuft. Es funktioniert gerade durch diese Dynamik, die dabei entsteht. Das finde ich extrem faszinierend“, schwärmt die Künstlerin.

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Solidaritätsgedanken

Auch bei der vierten Auflage der „Fuel Box“ wird indes Wert auf den philanthropischen Gedanken gelegt. Jeder teilnehmende Künstler hat eines seiner Kunstobjekte zwecks Verkauf in einem kleinen Shop im Eingangsbereich zur Verfügung gestellt. Der Erlös geht in diesem Jahr an die Vereinigung „Actions for life projects Larry Steffen“. Die Originalwerke werden zu einem Vorzugspreis verkauft.

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FUELBOX IV

Praktische Informationen

Ort der Ausstellung: Luxemburg-Howald, 20, rue des Scillas (ehemaliges Geschäft „AS Adventure“)

Öffnungszeiten: 21. bis 24. Mai sowie 28. bis 31. Mai jeweils von 14.00 bis 19.00

Die Besichtigung der Ausstellung obliegt den offiziellen sanitären Vorschriften.

Weitere Informationen https://www.facebook.com/FuelBoxIII

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