PASCAL STEINWACHS

So schlimm, wie EU-Kommissionschef Juncker immer von der Erzbistumszeitung dargestellt wird, scheint er in Wirklichkeit gar nicht zu sein, wie jetzt ein Journalist der finnischen Zeitung „Helsingin Sanomat“, dem Juncker im Berlaymont-Gebäude über den Weg lief, gehörig erstaunt feststellen musste: „It is already late afternoon, but Juncker does not appear to be drunk, but busy“. Nicht betrunken sein, heißt aber noch lange nicht, dass man auch nett ist, und dass Juncker kein Netter ist, das erfuhr der mutige Finne ausgerechnet von Martin Selmayr (immer noch nicht zu verwechseln mit Walter Sedlmayr), dem gefürchteten Kabinettschef des EU-Chefs, der in einem „Politico“-Artikel gar als „Monster at the Berlaymont“ bezeichnet wurde: „The brutal guy here in this house is not me. The brutal guy in this house is the President“. Dass dieser ein komischer Kauz ist, unterstreicht aber auch eine weitere Selmayrische Aussage, nämlich dass Juncker einige seiner Kommissare „simply boring“ findet, und sie deshalb auch als „walking sleeping pills“ bezeichnet. Mina Andreeva, die rechte und linke Hand von Selmayr, weist ihrerseits auf die romantische Seite von Juncker hin: „He has never ever forgotten any of his team members’ birthdays“. Und: „sometimes he even draws a heart if he really liked a briefing“. Andreeva wird allerdings ganz schnell wieder von Selmayr (der übrigens zum Stressabbau am liebsten Gummibärchen verschlingt) auf den Boden der Tatsachen zurückholt: „If I am the monster, she is the dragon“. Für eine erfolgreiche Frau gibt es wohl kaum ein zärtliches Kompliment. Der EU-Kommissionschef und sein Team: eine schrecklich nette Familie...