LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Psychosoziales und edukatives Personal fordert Sozialdialog über Arbeitsbedingungen

Den Vorwurf der mangelnden Dialogbereitschaft an die Adresse des Bildungsministeriums bekommen im Bereich Bildung aktive Journalisten öfters zu hören. Gestern war das nicht anders, wenngleich von anderen Akteuren als sonst: Fünf Gewerkschaften, die das Personal der Kompetenzzentren, der „Services psycho-social et d‘accompagnement scolaires“ (SEPAS) sowie der „Services socio-éducatifs“ (SSE) vertreten, wollen nicht mehr einfach nur informiert werden. „Wir hätten gerne einen Sozialdialog, der den Namen verdient“, sagte etwa Claudine Muller vom SPEBS. Eine erste Gelegenheit dazu könnte sich bereits kommende Woche ergeben. Denn die fünf Gewerkschaften wurden gestern kurzfristig im Zuge einer symbolischen Aktion im Ministerium empfangen. Bei dieser Gelegenheit wurde ihnen ein Treffen in Aussicht gestellt.

Arbeitsbedingungen für das gesamte Personal müssen stimmen

Bei den fünf Gewerkschaften handelt es sich um die „Association des Éducateurs et Éducatrices“ (ALEE/CGFP), das „Syndicat Luxembourgeois des Éducateurs Gradués“ (SLEG/CGFP), das „Syndicat du Personnel de l’Éducation Nationale œuvrant spécifiquement dans l’intérêt des élèves à besoins éducatifs spécifiques“ (SPEBS/CGFP), die „Association du Personnel des Centres de Compétences et de l’Agence: éducatif et psycho-social“ (APCCA/SEW/OGBL) sowie die „Association du Personnel du Centre et des Services psycho-sociaux et d’accompagnement scolaires“ (APPSAS). Worum es geht? Die fünf Gewerkschaften sind verärgert darüber, im Juli vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein, bevor es am 13. Juli zu einem Zusammentreffen kommen sollte.

So hatte das Bildungsministerium bereits Anfang Juli Anweisungen herausgegeben, durch die sich die Arbeitsbedingungen des Personals, das sich um Schüler mit spezifischen Bedürfnissen kümmert, nach Ansicht der Syndikate verschlechtern. Nicht nur das: Die darin beschriebene „tâche“ entspreche in keinster Weise den Anforderungen der Praxis, erklärte Claudia Dias (SPEBS) gestern. Zwar ist inzwischen klar - das Ministerium schickte gestern Vormittag „Präzisionen“ an die Presse-, dass lediglich die Arbeitsbedingungen neu eingestellter Erzieher oder Sozialpädagogen von Veränderungen betroffen sind.

 Doch auch in diesem Punkt sind die Syndikate nicht mit der Vorgehensweise des Ministeriums einverstanden. „Wir sind nicht damit einverstanden, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu etablieren“, monierte Nadia Ruef (APCCA). Wichtig sei, dass die Arbeitsbedingungen für das gesamte Personal stimmen. Das heißt: Arbeitsbedingungen, die es erlauben, mit den Kindern zu arbeiten und sich auf diese Arbeit vorzubereiten. „Wir haben einen Bildungsauftrag“, betonte Dany Ourth (APCCA).

Unbeantwortete Briefe

Den Aussagen der Gewerkschaften kann man entnehmen, dass es ein größeres Verständigungsproblem zu geben scheint. Claudine Muller zeigte sich „etwas schockiert“ darüber, dass den Gewerkschaften in der Unterredung mit Ministeriumsvertretern der Vorwurf gemacht wurde, mit der Presse, aber nicht mit dem Minister zu sprechen. „Seit sieben Jahren schreiben wir Briefe und haben nie eine Antwort erhalten“.

Um den Unmut der Gewerkschaften zu verstehen, muss man in diesem nicht einfachen Dossier noch weiter zurückblicken. Denn in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage hatte Ressortminister Claude Meisch (DP)  im Frühjahr 2019 noch eine gesetzliche Regelung für die Agenten aus dem edukativen und psycho-sozialen Sektor, die sich um Kinder mit spezifischen Bedürfnissen kümmern, in Aussicht gestellt. Doch dafür sieht das Ministerium offenbar keinen Bedarf mehr. In dem besagten Schreiben heißt es, den neu eingestellten Agenten würden zwei Arbeitsverträge vorgeschlagen: Einmal mit einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden und 32 Ruhetagen mit der Möglichkeit, ein Zeitsparkonto zu nutzen; sowie eine Wochen- „tâche“ von 44 Stunden während der Schulzeit (40 Stunden, vier Stunden pro Woche müssen während 36 Wochen auf das Zeitsparkonto gesetzt werden) und 50 Urlaubstage. „Nach Konsultation der Akteure der Schulgemeinschaft, sieht sich das Ministerium in der Feststellung bestätigt, dass diese beiden Modelle bereits die Praxis widerspiegeln“.

 „Wir sind für die Schüler da“

Noch etwas anders gelagert ist die Lage im „Secondaire“. Die Sepas-Beschäftigten müssen nach Aussagen Patrick Reeffs, Präsident der APPSAS, unabhängig des Arbeitsaufwands inzwischen 44 Stunden leisten. Zusätzlich sollen sie in der Orientierungsprozedur von der Grund- auf die Sekundarstufe mitwirken. Als die „Kirsche auf dem Kuchen“ bezeichnete Reeffs einen wenigen Tage alten Brief, demzufolge das  SEPAS-Personal im Fall einer Covid-Infektion in einer Schule das „Contact Tracing“ übernehmen - und alle andere Arbeit zurückstellen soll. „Sie können sich vorstellen, dass viele Leute nicht sehr froh darüber waren, dass das einfach so beschlossen wurde“, so Reeff.  Dabei sei damit zu rechnen, dass Erlebnisse und Probleme von Schülern der vergangenen Monate erst jetzt allmählich hochkommen werden. „Wir sind für die Schüler da. Wir hätten gerne Zeit, um mit unsern Schülern zu arbeiten“, ergänzte er.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die inzwischen verbündeten Gewerkschaften zu Wort melden. In einem auf den 27. Juli datierten offenen Brief hatten sie etwa einen Rückzug der insgesamt drei „notes“ gefordert sowie  das Gespräch mit den Syndikaten zu suchen.  Bleibt abzuwarten, ob der geforderte Sozialdialog bei dem möglicherweise kommende Woche geplante Zusammentreffen zustande kommt.