DOMMELDINGEN
NORA SCHLEICH

Die Berliner Kunstszene gastiert im „Bamhaus“

Unter anderem diese Zeilen des Gedichts von Baudelaire „Enivrez-vous“ haben den in Berlin lebenden Kurator Peter Ungeheuer dazu inspiriert, eine Ausstellung zum Thema „Rausch“ zu initiieren: „Il faut vous enivrer sans trêve. Mais de quoi? De vin, de poésie ou de vertu, à votre guise. Mais enivrez vous!“

Während Ungeheuer durch die Ausstellung im Dommeldinger „Bamhaus“ führt, erklärt er vor einem mit Ecstasy-Smiley ähnlichen Grinsegesichtern verzierten Fliesenmosaik, dass Rausch an sich nicht unbedingt eine Konsequenz des Alkohol- oder Drogenkonsums sein muss. Auch Kunst verleitet, verführt, kann zu einem Moment einladen, in dem man in sich selbst aufgeht oder gar im Moment zerfließt. Sei dies nun durch Farbe und Form oder durch Konzept und Ideengewitter, welche die metaphysischen Sphären des Kunstwerks für den schaffenden Künstler, aber auch für den Betrachter eröffnen.

Anfall künstlerischer Ekstase

Dem Thema Rausch in der Kunst kann man demnach aus zahlreichen Richtungen entgegentreten. Die Vielschichtigkeit dieser Herangehensweise macht sicherlich auch die Attraktivität der im „Bamhaus“ ausgestellten Werke der elf Berliner Künstler aus. So stellt man sich Timo Klöppel vor, der in einem rauschartigen Zustand mit einer Kettensäge einen Baumstamm teilt, und ihn in einem Anfall künstlerischer Ekstase mit gesammelten Gegenständen aus dem heimischen Garten verziert und so in ein Ausstellungsobjekt verwandelt. Oder etwa Tobias Dostal, der eine ganze Bar mitsamt Schnapsgläsern mit filigranen Glasgravuren von pornografischen Motiven veredelt: Der Rausch in der Kunstschaffung wird vom konzeptuellen Rausch begleitet. Jofroi Amaral befindet sich im Farbenrausch, während er ein sattes Blau mit Skateboards auf die Leinwand bringt. Dass der Rausch auch im Flüchtigen besteht, zeigt er unmittelbar während der Vernissage: Die wegen Bauarbeiten am „Bamhaus“ herumliegenden Felsbrocken werden zu kolorierten Momenten, die im monotonen Grau des Destruktiven hervorscheinen.

Monoton ist die Ausstellung indes ganz und gar nicht, neben Malerei, Skulpturen und Installationen findet auch das Medium Film Beachtung. Mit den bewegten Bildern Nina Schönfelds zeigen auch die Aufnahmen von Sandra Hauser im Kurzfilm „Rächäm“ eine interessante Interpretation des Rausches. Hier begegnet man dem Apostel Paulus, der in der letzten Nacht vor seiner Hinrichtung seinen Liebesrausch zu Jesus Christus offenbart. In tiefer Zerrissenheit oszillieren Fragen nach dem eigenen Selbst und gesellschaftlicher Konvention.

Dekadenz und Selbstvergessenheit

Dass Dekadenz und Selbstvergessenheit auch Themen des Rausches sind, vermögen die Werke von Fritz Bornstück hervorzuheben. Mit seiner expressionistischen „Martini Milch Bar“ oder dem „Genießer“, der einen Vogel zeigt, der sich genüsslich auf einem Ast sitzend eine Zigarette gönnt, laden diese Werke zum Sich-Gehen-Lassen ein, verweisen andererseits aber auch auf das Ausschweifende und Oberflächliche der heutigen Konsumgesellschaft.

Besonders hervorzuheben sind die Werke des Künstlers Lennart Grau. Mit seiner speziellen Technik der Farbschüttung und -verwebung schafft er eine ungewöhnliche, aber ästhetisch äußerst ansprechende Dynamik, durch die sich der Betrachter unmittelbar in den Bann gezogen fühlt, nähertritt, und die von Grau geschaffene, aber dennoch spontan und organisch daherkommenden Farbsymbiosen auf sich wirken lassen will. Ganz dem Thema entsprechend zeigen sich die nackten Frauen des Gemäldes „Die Teilung des Heiligenscheins“ wie von Dionysos geküsst, räkelnd und labend in einem mit mythologischen Konnotationen geschwängerten Kontext. Die Komposition erinnert an Opulenz und Fülle, Barock und Rokoko, wie Grau hervorhebt. „Das Marmorisieren der Farbe bringt eine gewisse Abstraktion mit. Es wirkt, als ob die Motive ein wenig zerfressen werden. Das wirkt visuell verführend, lässt aber auch ein leichtes Misstrauen entstehen“, führt der Künstler aus. Auch sein anderes Werk, das eine Darstellung eines Stilllebens der frühen niederländischen Kunst zeigt, wird durch diesen Effekt wirkend. Generell scheint sich dadurch eine Ebene zwischen gezeigtem Material und subjektiver Stimmung aufzutun, die über das durch die Acrylschlieren Vergegenwärtigte hinausführt.

Mit dieser Ausstellung hat Peter Ungeheuer den Luxemburger Kunstenthusiasten ein Fenster zur Berliner Kunstszene geöffnet. Die hiesigen Kreativschaffenden können sicherlich auch von der Extrovertiertheit des Berliner Kunstverständnisses und dessen katalysierenden Effektes profitieren. Ob sich Farb-, Kunst-, Kontemplationsrausch allerdings nicht ohnehin anational einstellt, wird im nächsten Jahr untersucht werden können; dann gestaltet Ungeheuer eine Ausstellung mit luxemburgischen Künstlern in Berlin.

Die Ausstellung kann nach Vereinbarung besucht werden, melden Sie sich dazu unter folgender Nummer: +352 691847057.