LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Domenica Fortunato besuchte die Dolmetscherschule -und entschied sich dann fürs Gipserhandwerk

Domenica Fortunato wechselte ihren Beruf gleich mehrfach und ist heute Präsidentin der Gipser- und Stuckateur-Innung Luxemburgs - die einzige Frau übrigens, die einen Meisterbrief in diesem Beruf hat.

Sie haben für Luxair gearbeitet, aber auch im Büro und auf dem Bau. Was sind Sie von Beruf?

Domenica Fortunato Ich habe ganz verschiedene Berufe ausgeübt. Aber heute bin ich Gipser-Meisterin und Stuckateur-Meisterin - und zwar die einzige in Luxemburg. Ich arbeite allerdings nicht mehr auf den Baustellen, sondern kümmere mich um das Unternehmen meines Vaters, Jean Fortunato. Der hat das Unternehmen gegründet, als er in den 60er Jahren nach Luxemburg kam. Damals gab es in Italien auch schon keine Perspektive, das war nicht besser als heute. Mein Vater war mit 16 verwaist und hatte zwei jüngere Brüder. Er sprach nur Italienisch und hatte deshalb ein Schild mit seinem Namen um den Hals, damit er auf dem Bahnhof abgeholt werden konnte. Er hat dann hier seinen Weg gemacht, seine Brüder nachgeholt und kurz nach meiner Geburt ein Unternehmen gegründet. Aber er ist jedes Jahr nach Italien gefahren, nach Sammichele di Bari, das liegt in etwa an der Stiefelhacke. Von dort kommen auch meine Mutter und mein Mann.

Sie sind in Luxemburg geboren?

Fortunato Ja, ich bin Luxemburgerin und Italienerin. Schimpfen geht auf Italienisch besser. Ich mag Sprachen sehr, das liegt ja hier in Luxemburg auch auf der Hand. Deshalb habe ich nach dem Lycée Michel Rodange eine Dolmetscherschule besucht. Da ich aber Italienisch nie schreiben gelernt hatte, bin ich dann noch auf eine Dolmetscherschule in Italien gegangen. Das kannte ich gut. Wir sind jedes Jahr dorthin in Urlaub gefahren und meine Eltern haben in Apulien ein Haus. Damals habe ich auch meinen Mann kennen gelernt. Wir haben geheiratet und wollten in Italien bleiben, doch der Arbeitsmarkt gab nichts her. Er ist dann mit mir nach Luxemburg gekommen und hat im Unternehmen meines Vaters angefangen.

Und was haben Sie gemacht?

Fortunato Ich habe nach nur einer Woche hier eine Stelle als Bodenassistentin der Luxair gefunden. Das war für mich ungeheuer, nach der langen Jobsucherei in Italien. Dann habe ich Zwillinge bekommen. Um die habe ich mich natürlich gekümmert. Aber mein Vater bot mir an, bei ihm im Büro zu arbeiten. Dort hatte ich ihm schon als Kind geholfen die Lohntüten fertig zu machen. Damals wurden noch wöchentlich Franken in eine Papiertüte gepackt! Also habe ich dort angefangen. Das gefiel mir, obwohl ich die falsche Ausbildung hatte. Deshalb habe ich drei Jahre lang Abendkurse in Buchführung und Kostenrechnung belegt. Danach wollte ich noch mehr wissen.

Über was wollten Sie mehr wissen?

Fortunato Na, über das Gipsen. Die Handwerkskammer machte damals Werbung und akzeptierte Leute wie mich. Ich hatte mittlerweile ein „Brevet“. Da habe ich mich zu einem Meisterkurs angemeldet. Dort war ich die einzige Frau. Gipser und Stuckateur ist ein körperlich anstrengender Beruf, vor allem, wenn man Gesimse ziehen und Schablonen machen muss. Der Kurs war erstmal theoretisch. Ich schaffte die Prüfung. Dann fehlte mir noch die Praxis. Ich sagte zu meinem Vater: Ich will Gipsen lernen.

Wie hat ihr Vater reagiert?

Fortunato Sein Gesicht werde ich nie vergessen! Er war schockiert. Er sagte, auf dem Bau sind nur Männer, das ist harte Arbeit. Weißt du, was du da forderst? Aber ich wollte das. Also hat er mich mitgenommen. Ich hatte ein Jahr Zeit zum Lernen vor der praktischen Meisterprüfung. Meine erste Baustelle war bei der Fondation Pescatore auf dem Limpertsberg. Das werde ich nie vergessen. Da gibt es ein Zimmer, das habe gegipst. Vielleicht werde ich da mal wohnen, wenn ich alt bin (lacht)!

Was macht das Gipsen aus?

Fortunato Gips lebt, den muss man mit einem goldenen Händchen handhaben und richtig modellieren. Wenn das nicht gut wird, ist die Mauer hin und man muss alles wieder abklopfen.

Schauen Sie sich Wände mit dem Blick der Gipserin an?

Fortunato Auf jeden Fall. Wenn ich in einem Krankenhaus oder sonst einem Gebäude bin, sehe ich immer, wie etwas gegipst ist. Da bemerke ich auch jeden Fehler. Ich liebe Gipsen. Das ist mir von meinem Vater ins Blut übergegangen. Seit vielen Jahren bin ich Präsidentin des Prüfungskomitees.

Wie lief denn Ihre Prüfung ab?

Fortunato Ich wusste, was auf mich zukam. Wir waren zu dritt und hatten drei Tage Zeit. Wir mussten Schablonen für Stuck fertigen, Gesimse ziehen und eine Fläche fertig machen. Die Prüfung fand in Esch statt. Nach drei Tagen kam mein Vater mit meinen Zwillingen an der Hand, um mich abzuholen. Da fragte der Prüfer: Wo ist der Schampus? Das ist heute noch der Standartspruch, wenn sie meinen Vater sehen. Seither bin ich die einzige weibliche Gipser-Meisterin und Stuckateurin Luxemburgs.

Wie schafft man einen solchen Schritt?

Fortunato Schrittchenweise, mit viel Geduld und dem Willen, Verantwortung zu übernehmen. Das ist entscheidend. Man muss es wollen. „Volontà“, der Wille ist entscheidend. Dann wird es perfekt. Man muss immer nach Perfektion streben, auch wenn man weiß, dass man sie nicht erreichen kann.

Sie sind jetzt lange im Unternehmen und haben viele Positionen…

Fortunato Ja, ich bin Mitglied in der Handwerkkammer, im Prüfungskomitee der Innung, deren Präsidentin ich auch bin, Unternehmens-Botschafterin - aber vor allem bin ich Unternehmerin. Jetzt, wo mein Vater knapp 80 Jahre ist, zieht er sich nach und nach aus dem Unternehmen zurück. Ich will die Firma umbauen, neue Produkte einbringen.

Wollen Sie auch bis 80 arbeiten?

Fortunato Wenn ich Lust habe, arbeite ich, bis ich hundert bin. Ich habe immer Ideen und nie Zeit. Ich sitze oft spät am Schreibtisch, da kann es schon mal Mitternacht werden. Außerdem tut sich viel in der Baubranche. Wir bereiten das „Centre de Compétence“ in Bettemburg vor, bauen Module auf, stellen Ausbilder ein. Aber das geht nur, wenn man Lust hat, etwas zu machen.