MELBOURNE
KIM GREIS

Auslandssemester in Melbourne: Wenn ein „Australian Football“-Endspiel zum Megaevent wird

Noch nie was von „Australian Football“ gehört? Ich auch nicht, bevor ich für ein Auslandssemester nach Australien gegangen bin. Auf diesem Kontinent auf der anderen Seite der Erdkugel ist es eine der beliebtesten Sportarten, und jedes Jahr werden zumindest zum Finalspiel Stadien mit einem Fassungsvermögen von mehr als 100.000 Leuten restlos ausverkauft. Gewöhnlich interessiere ich mich hauptsächlich für den klassischen Fußball und habe dementsprechend sehr wenig Ahnung von Rugby, American oder eben Australian Football.

Da diese Sportart hier aber in derartigem Maße zelebriert wird, dass am Vortag des Finales sogar ein gesetzlicher Feiertag ist und bereits in der Vorwoche zahlreiche Veranstaltungen stattfinden, die mit einer Parade am Tag des Endspiels enden, versuchte ich diese Begeisterung nachzuvollziehen. Daher habe ich mich zum Finale zum „Federation Square“ begeben, der gefüllt war mit Fans und Schaulustigen, um das Spiel im Public Viewing zu genießen.

Es geht brutal zu

Das Spielfeld ist oval und misst 135-185 m in der Länge und 110-155 m in der Breite. Die Teams setzen sich aus je 18 Spielern zusammen, haben aber keinen Torwart. Die Tore bestehen aus jeweils vier Stangen. Das „richtige“ Tor befindet sich in der Mitte, und wenn man den ellipsoidförmigen Ball dadurch schießt, erhält das Team sechs Punkte. Schießt man am Tor vorbei, sprich der Ball fliegt durch den von den äußeren Stangen geformten Raum, bekommt das Team immerhin noch einen Punkt (obwohl dies offiziell als „am Tor vorbei“ bezeichnet wird), was aber nicht mal gefeiert wird. Pfostenschüsse und Eigentore werden ebenfalls mit je einem Punkt bewertet.

Spieler können mit dem Ball laufen, sofern er zumindest einmal alle 15 m den Boden berührt. Das Interessante ist, dass es erlaubt ist, den Gegner zwischen Schultern und Knien zu tackeln, sofern er sich gerade im Ballbesitz befindet. Das hört sich brutal an, und das ist es auch, vor allem wenn man klassischen Fußball gewohnt ist, wo die Spieler versuchen, aus jeder Kleinigkeit einen Freistoß rauszuholen. Vermutlich würden AFL-Spieler darüber lachen.

Hat man den Ball erst einmal ergattert, gilt vor allem, dass man ihn nicht wirft, ein klassischer Wurf ist nämlich verboten. Erlaubte Pässe sind zum Beispiel, dass man den Ball mit dem Fuß, der Faust oder der offenen Hand spielt. Derjenige, der den Ball fängt, nachdem er mindestens 15 m weit geschossen wurde, erhält einen Freistoß. Die Gegenspieler versuchen den Ball selbst zu fangen oder die Gegenspieler vom Fangen des Balls abzuhalten.

Das Finale: ein Wahnsinnserlebnis

Wie bereits beschrieben, haben wir uns dazu entschieden, uns das Spiel beim Public Viewing anzuschauen. Die meisten Mannschaften der AFL stammen aus Victoria, dem Staat, in dem sich auch Melbourne befindet. Bis 1990 hieß die AFL daher auch „Victorian Football League“. Seitdem spielen aber immer mehr Mannschaften aus anderen Staaten um den Titel, so auch die Mannschaft „West Coast Eagles“ aus Perth, die gegen den „Collingwood Football Club“ aus Melbourne um den Titel kämpfte.

Vor dem Spiel kannte ich die Regeln noch nicht, sodass ich mir diese währenddessen durch das Zuschauen aneignete. Der Platz war gut gefüllt mit Fans beider Mannschaften, die regelmäßig bei Toren laut aufschrien. Das in Viertel geteilte Spiel wurde zunächst sehr stark von „Collingwood“ dominiert, während die „West Coast Eagles“ im zweiten und dritten Viertel stark aufholten, sodass es bis zum letzten Viertel zum Gleichstand kam, nämlich 55:55. Es wurde also richtig spannend zum Schluss. Schließlich gewannen die „West Coast Eagles“ knapp mit 79 zu 74. Die Fans der beiden Mannschaften gingen sehr fair miteinander um, von Hooligans, wie man sie von manchen europäischen Vereinen kennt, war zumindest in der Innenstadt keine Spur. Allgemein war es eine sehr spannende Erfahrung, vor allem auch, weil man in Europa nichts von der Sportart in den Nachrichten hört und es in Australien als Megaevent gefeiert wird. Alles in allem war es ein Stück australische Kultur, an dem ich teilhaben durfte.