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São Leopoldo hieß einst das Traumziel in verarmten Eifel-Dörfern

Missernten, Kriegsdienst, drückende Steuerlasten und Armut haben vor fast 200 Jahren Bauern, Handwerker und Tagelöhner aus dem Hunsrück nach Brasilien gelockt. Im Sommer 1824 gründeten sie ganz im Süden die Siedlung São Leopoldo - benannt nach der Habsburgerin Leopoldina, deren Mann Pedro 1822 die Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal erklärt und in Europa um Auswanderung geworben hatte.

Zur Vorbereitung des Jubiläumsjahres 2024 plant das Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz mehrere Projekte. Eines hat schon begonnen: Die Linguistin und Sprachhistorikerin Simone Busley will Bewahrung und Weiterentwicklung des Hunsrücker Dialekts in Brasilien erforschen und sucht dafür Briefe von Auswanderern - oder Briefe aus dem Hunsrück an die Brasilien-Siedler. „Briefe sind die einzigen Zeugnisse, die wir von der Sprache dieser Menschen haben“, sagt die Forscherin. Leider seien nicht mehr viele erhalten, aber es gebe die Hoffnung, vielleicht auf einem Dachboden noch einzelne Briefe zu entdecken.

Der Leiter des Hunsrück-Museums in Simmern, Fritz Schellack, schätzt, dass dort sowie im Kreisarchiv mehrere Dutzend Briefe erhalten sind. „Einige sind noch in Privatbesitz und werden dort gehütet.“ Die Dokumente aus dem Alltag der Auswanderer seien eine einzigartige Quelle und erzählten von Glück oder Unglück in der neuen Heimat. In einem erhaltenen Lied der Auswanderer heißt eine Zeile: „Wir fahren in ein ander Land! Nun weinet nicht so sehr, Wir sehn uns nie und nimmermehr!“ Die erste große Welle der Auswanderung reichte von 1824 bis 1830. Ende der 1840er Jahre sowie von 1855 bis 1860 nahm die Auswanderung nach Brasilien erneut zu. Auch wenn es bereits zahlreiche Beiträge zur Geschichte der Auswanderung gebe, bestehe noch erheblicher Forschungsbedarf, insbesondere zu kulturellen und sprachlichen Aspekten, erklärt der Geschäftsführer des Instituts für Geschichtliche Landeskunde, Kai-Michael Sprenger. „Wir wollen dieses Thema für das anstehende Jubiläum stärker ins Bewusstsein bringen.“ Besonders spannend sei es dabei, individuelle Familiengeschichten zu betrachten. Von der Auswanderung nach Brasilien profitierte auch der Hunsrück: Eine Gruppe von Musikern aus Idar-Oberstein stellte 1827 fest, dass es in Brasilien Achat-Drusen und Halbedelsteine in großen Mengen gab. So hätten sie die Verschiffung der Steine nach Idar-Oberstein organisiert, erklärt Sprenger. „Das gab der Entwicklung der Edelsteinschleiferei dort einen enormen Schub.“ DPA/LRS