LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Wie aus „Pygmalion“ das Musical „My Fair Lady“ wurde - Sommerserie über die Entstehungsgeschichte der bekanntesten Musicals

In der griechischen Mythologie wird die Geschichte von Pygmalion erzählt, einem König auf Zypern, der durch schlechte Erfahrungen mit Propoetiden (von hemmungslosem Sex getriebene Frauen) zu einem verbitterten Frauenfeind wurde. Er war jedoch auch ein talentierter Bildhauer und verliebte sich in die von ihm erschaffene Elfenbeinstatue einer Frau. Aufgrund von Pygmalions Wunsch, lässt die Göttin Aphrodite die Statue lebendig werden, welche den Namen Galatea erhält.

„Pygmalion“ von George Bernard Shaw

Der britische Autor George Bernard Shaw schreibt 1913 das zeitkritische Schauspiel „Pygmalion“, eine Karikatur auf die damalige Londoner Gesellschaft. Aus dem zypriotischen König wird der Linguist Professor Henry Higgins. Seine von ihm kreierte Statue ist das Blumenmädchen Eliza Doolittle. Mit seinem Kollegen Colonel Pickering geht er eine Wette ein, dass er aus dem Straßenmädchen eine Herzogin machen wird, welche die feine Sprache der Londoner Gesellschaft spricht. Da Higgins Eliza wie seine Kreation behandelt, mit der er umgehen kann, wie er will, verlässt sie den frauenfeindlichen Professor. Shaw schreibt 1916 das Fragment „What Happened Afterwards“, in dem er erklärt, warum eine Hochzeit zwischen Higgins und Eliza unmöglich ist. Eliza heiratet ihren Verehrer Freddy.

Das Theaterstück wird 1913 erstmals im Wiener Burgtheater gespielt, ehe es ein Jahr später im Londoner „His Majesty’s Theatre“ auf dem Programm steht. 1935 wird das Stück in Deutschland von Erich Engel verfilmt. Es folgt eine britische Filmadaptation von Anthony Asquith, für die Shaw mit dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet wird.

Streit um Autorenrechte

Der ungarische Produzent und Regisseur Gabriel Pascal produziert Asquiths Film. Ihm schwebt ein Musical aus dem Stoff vor. Nur weigert sich Shaw, die Autorenrechte für ein musikalisches Werk abzutreten. Erst nach seinem Tod 1950 kann ein Arrangement mit seinen Erben gefunden werden. Pascal tritt an die damals bekannten Musical-Komponisten Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II. oder Leonard Bernstein heran. Doch sie lehnen alle ab. Schließlich sagen ihm der Komponist Frederick Loewe und sein Texter Alan J. Lerner zu.

Lerner beginnt, das Buch zu schreiben. Doch der Schluss passt ihm nicht. Pascal stirbt leider 1954, und die Rechte liegen nun bei einer Bank. Neben Lerner und Loewe, ist es auch die Filmfirma Metro Goldwyn Mayer, welche die Autorenrechte kaufen will. In der Folgezeit verändern die beiden Musical-Macher die Geschichte, wie auch den Schluss - Eliza bleibt bei Higgins. Nachdem die Banker diese Fassung unter die Lupe genommen haben, bekommen sie die Aufführungsrechte.

Es bleibt nur noch einen besseren Titel zu finden, als „Pygmalion“. Ursprünglich wollte Shaw sein Stück „Fair Eliza“ nennen. Und Lerner erinnert sich daran, dass George Gershwin sein Musical „Tell Me More“ eigentlich „My Fair Lady“ nennen wollte, eine Anspielung auf den letzten Vers des traditionellen Kinderreims „London Bridge is Falling Down“.

Erfolgreichstes Musical aller Zeiten

Am Broadway startet „My Fair Lady“ am 15. März 1956 und wird mit 2.717 Vorstellungen das erfolgreichste Musical bis zu diesem Zeitpunkt. Die Rolle der Eliza spielt die damals unbekannte Julie Andrews. Ihr Partner Rex Harrison gewinnt den Tony Award als bester Schauspieler in einem Musical. Insgesamt gewinnt die Show acht Tonys, unter anderem als bestes Musical.

1964 wird das Musical von George Cukor verfilmt. Rex Harrison spielt den Linguisten, während Audrey Hepburn die Rolle von Eliza übernimmt, aber von Marni Nixon gesanglich synchronisiert wird. Der Film gewinnt acht Oscars, wovon einer an Harrison geht.

Im 2018 Broadway-Revival, wie auch in der neuen französischen Fassung beim Festival „Bruxellons!“ in Brüssel wird das Originalende aus Shaws „Pygmalion“ respektiert, und Eliza verlässt den Professor und bringt ihm nicht wie gewohnt seine Pantoffel.

In Brüssel läuft „My Fair Lady“ noch bis zum 7. September. Informationen unter www.bruxellons.be