WASSERBILLIG
ALOYSE KUHN

Die Geschichte der Fähren zwischen Oberbillig und Wasserbillig

Dass zwischen Oberbillig und Wasserbillig seit sehr langer Zeit ein Fährbetrieb bestanden haben muss, ist nicht zu bezweifeln.

Der Fährbetrieb in alten Zeiten

Oberbillig gehörte neben Mertert, Manternach und Lellig bis ins 19. Jahrhundert zur Pfarrei Wasserbillig, die schon vor dem Jahre 1000 bestand. Die Oberbilliger setzten folglich bei Sonntagsmessen, Kindstaufen, Hochzeiten und Begräbnissen jedes Mal über die Mosel. Hinzu kommt noch, dass die Einwohner der beiden Orte durch Heiraten, hüben und drüben Ländereien zu bearbeiten und ab zu ernten hatten.

Da aber nicht jede Familie einen Nachen zur Verfügung hatte, wurde schon lange an ein gemeinschaftliches Fahrzeug gedacht, um einen regelmäßigen Verkehr zu erlauben. Bereits im 15. Jahrhundert soll daher für den Transport von Menschen, Tieren und Sachen ein großer Nachen benutzt worden sein.

Die erste „Ponte“

Am Ende des 18. Jahrhunderts hatten dann die Bauern und Winzer Bernard Schmit, Pierre Fischer, Jean Metzdorf, Jean Scholtes, Jean Becker, Nicolas Zimmer, Pierre Etringer, Michel Wagner, Mathias Schiltz, Mathias Schartz, Christian Weis, Pierre Casel, Pierre Lauer-Zimmer, Jean Burg und die Witwe Kaiser ein flaches Fährschiff, eine „Ponte“, bauen lassen. Aber schon 1811 wurde die Fähre wegen der enormen Unkosten Eigentum der Gemeinde Mertert, und die Übergabe derselben fand unter dem damaligen Bürgermeister Boudeler statt.

Nach steuerlichen Schwierigkeiten mit den französischen Autoritäten, die damals Steuern von der Fähre verlangten, gelang es dem Bürgermeister, die Ponte öffentlich durch einen Pachtvertrag an einen Pächter zu vergeben. Der Waren-, Wagen-, Vieh- und Personentransport war nach einem genehmigten Tarif oder in Naturalien zu zahlen. Bemerkenswert bleibt aber, dass die in den Ortschaften Wasserbillig und Oberbillig wohnenden Personen nur den dritten Teil der Gebühren zu zahlen hatten. Der normale Tarif einer Überfahrt für eine Person betrug drei Pfennig. Ein beladenes Fuhrwerk kostete neben der Abgabe für das Gespann drei Silberlinge.

Der Fährbetrieb in neueren Zeiten

Wasserbillig und Oberbillig hatten Jahrhunderte lang ein politisches, kirchliches und geographisches Kuriosum dargestellt. Weltlich wurde diese Vereinbarung durch den Wiener Kongress 1815 und kirchlich 1871 aufgelöst.

Bei der Neuverpachtung der Fähre im Februar 1900 wurde dann die erwähnte mittelalterliche Zahlungsart in Naturalien abgeschafft und später durch Gemeinderatsbeschluss gutgeheißen. Es waren aber vorwiegend Einwohner aus Oberbillig, die den Fährbetrieb übernahmen. Der Pächter beschaffte sich dann auf eigene Rechnung eine „Pont“. Die letzte Verpachtung fand im Jahre 1931 statt. Kriegsausbruch
Als der Krieg im September 1939 ausbrach, löste man die Ponte von ihrem Gierseil und ließ sie die Mosel hinuntertreiben. Sie trieb jedoch nicht weit, denn schon bei Wasserliesch lief sie auf und versank. Der Fährmann holte sie im Sommer 1940 nach Oberbillig zurück und nahm den Betrieb in beschränktem Maße wieder auf. Beim Rückzug 1944 wurde die Fähre von einer deutschen Pioniertruppe unnützerweise gesprengt, doch die Amerikaner ließen sich dadurch nicht in ihrem Vormarsch stoppen, obschon die Trümmer der Fähre bis in die Straßen von Wasserbillig und Oberbillig flogen.

Als nach dem Kriege der Fährbetrieb wieder aufgenommen wurde, verlegte man ihn zwecks Umgehung von Zollschwierigkeiten zwischen die deutschen Ufer der Mosel, von Oberbillig nach Wasserbilligerbrück. Eine Wiederaufnahme des Fährbetriebes an alter Stelle war in dieser Zeit nicht möglich.

Der Fährbetrieb nachdem zweiten Weltkrieg

Im Jahre 1952 befasste sich der Gemeinderat mit der Wiedereinführung des Moselfährdienstes Wasserbillig-Oberbillig. Doch um dieses erworbene Recht aufrechtzuerhalten, mussten viele neue auftauchende Schwierigkeiten überwunden werden, denn der Amtsschimmel wurde wieder von vielen Instanzen geritten und besonders die Zollverwaltung stand der Angelegenheit nicht wohlwollend gegenüber: Die neu errichtete Zollstraße zwischen Wasserbillig und Wasserbilligerbrück mache die alte Zollstraße der Fähre überflüssig. Auch der Fährmann, dem die Fähre gehörte, weigerte sich damals, dieselbe wieder an die alte Stelle zu verlegen. Als die Gemeinde Mertert dann versuchte, eine Fähre zu pachten, beziehungsweise zu kaufen, erklärte der Fährmann aus Oberbillig sich wieder bereit, den Fährbetrieb an der alten Stelle zu übernehmen.

Ein langer Weg

Aber die bilateralen Verhandlungen mit den vielen Ämtern fanden kein Ende. Es vergingen Jahre der Verhandlungen und des Briefwechsels. Die Moselkanalisation und das Errichten von Stützmauern in Wasserbillig trugen noch zu anderen Verzögerungen der Genehmigungen bei. Am 1. Mai 1964, nachdem er Jahre im Ungewissen gewartet hatte, teilte der Fährmann mit, dass er kein Interesse mehr am Fährbetrieb habe. 1965 aber stellte die Bundesrepublik Deutschland in Übereinstimmung mit der internationalen Moselgesellschaft der Gemeinde Oberbillig die Summe von 260.000 DM als Ausgleich für die Mehrkosten einer frei fahrenden Motorfähre zur Verfügung. Vorbei war jetzt die Zeit, wo die Fähre, an einem Gierseil hängend, von der Wasserströmung getrieben wurde.

Beide Gemeinden einigten sich dann auf einen Kompromiss, welcher folgende Punkte beinhaltete:

- Die Gemeinde Oberbillig verwendet ein Drittel der Summe für die Anschaffung einer neuen Fähre

- Die Zinsen der restlichen Summe werden das eventuelle Defizit beim Fährbetrieb decken

- Die Gemeinde Mertert wird bis zu 50 Prozent Zuschuss gewähren für den Fehlbetrag, den die Zinsen möglicherweise nicht ausgleichen können

- Die Gemeinde Mertert überlässt der Gemeinde Oberbillig das Recht auf die Dauer von 25 Jahren als alleiniger Fährpächter aufzutreten

1966: Die erste „Sankta Maria“

Die neue Fähre wurde im Frühjahr 1966 von der Koblenzer Werft „Moselkern“ geliefert. Sie war vollautomatisch, 23 Meter lang, 6,5 Meter breit und hatte bei Vollbeladung einen Tiefgang von 70 Zentimeter. Tragfähigkeit: 25 Tonnen.

Die offizielle Einweihung fand am 30. April 1966 statt. Auch damals trug sich ein kleiner Unfall zu. Ein deutscher Bus, der von Oberbillig nach Wasserbillig übersetzen wollte, schlug mit dem hinteren Teil, in der zu steil abfallenden Zufahrtsrampe auf und musste wieder zurückgeschoben werden.

1967 zeigten sich die Gemeindevertreter der Gemeinde Mertert mit der Regelung der Rechtsverhältnisse der Fähre nicht ganz einverstanden, da sie kein Mitspracherecht hatten, aber als Mitbeteiligte am eventuellen Defizit eingeschaltet waren. Es blieb aber dabei, dass in den folgenden Jahren beide Gemeinden für die Fehlbeträge bei der „mobilen Brücke“ haftbar waren. 1969, zum Beispiel, betrug der Gesamtfehlbetrag 37.680 DM und musste von den beiden Gemeinden ausgeglichen werden. Um aber die Kosten des Fährbetriebes zu verringern, wurde folgendes festgelegt: Erhöhung des Fahrgeldes, Herabsetzung der Arbeitszeit, Abschaffung der Anwesenheit von zwei Fährgehilfen und Anfrage einer finanziellen staatlichen Beteiligung, da der Fährbetrieb nicht nur eine örtliche Angelegenheit darstelle.

Der Fährbetrieb wurde in den folgenden Jahren nicht nur eine bequeme und rasche Verbindung für die heimischen Benutzer, sondern wurde in verstärktem Maße von den Touristen, den Radlern und Wanderern in Anspruch genommen. Nach und nach aber vergrößerte sich auch der Autoverkehr, so dass der finanzielle Defizit in einem erträglichen Rahmen gehalten wurde und bald sogar schwarze Zahlen geschrieben werden konnten.

Am 4. Mai 1991 wurde dann ein neuer Fährvertrag zwischen den Gemeinden unterzeichnet. Trotz mancher Schwierigkeiten hatte der Fährbetrieb der Sankta Maria sein erstes Vierteljahrhundert überstanden und war am tiefsten Punkt des Landes nicht mehr wegzudenken. Er wurde immer mehr in Anspruch genommen und 1991 wurde erstmals ein Gewinn von 11.000 DM (ca. 5.500 Euro) eingefahren.

Nach 25 Jahren aber hatten die Motoren der Fähre ausgedient und die sicherheitstechnischen Forderungen der Schiffsuntersuchungskommission und der Binnenschiffsfahrkommission mussten ausgeführt werden. Die Kosten dieser Sanierung wurden von der EG, vom Land, vom Kreis, von der Verbandsgemeinde und von den beiden Gemeinden übernommen, ein Gesamtbetrag von 241.000 DM (ca.120.000 Euro).

So war die „Sankta Maria“ wieder fit, ihre Aufgabe zum Fortbestand der Fährverbindung zu verteidigen. Durch den zunehmenden Berufsverkehr im Raum Trier und im Osten unseres Landes wurde der Fährbetrieb immer größer, so dass das Fährschiff zu hundert Prozent ausgelastet wurde.

2017: Die „Sankta Maria II“

Nach 50 Betriebsjahren hatte die erste motorisierte Fähre ihre Pflicht erfüllt. Die Reparaturen, die sich in den letzten Jahren häuften, veranlassten die Betreiber, die Fähre durch ein neues Modell, die „Sankta Maria II“, zu ersetzen. Die weltweit erste solarbetriebene und vollelektrische Autofähre für Binnengewässer wurde von einer Werft in Stralsund an der Ostsee gebaut. Sie hat eine Länge von 28 Metern, eine Breite von 8,90 Meter, erreicht Höchstgeschwindigkeit 13 km/h und bietet Platz für 45 Personen und sechs Personenkraftwagen.

Am 25. November 2017 taufte Erbgroßherzog Guillaume im Beisein von Ehrenstaatsminister Jacques Santer und vielen deutschen Autoritäten die neue Solarfähre und wünschte dem neuen Transportmittel gute Fahrt.

Leider aber wurde der Dienst der Elektrofähre am ersten Betriebstag, am 10. Dezember 2017, durch eine Panne lahmgelegt. Ein Hydraulikschaden der Landungsklappen, der aber wieder schnell von einem Technikerteam der Bauwerft Formstaal/Ostseestaal behoben wurde. Nach dieser kleinen Panne hat die „Sankta Maria II“ nun die grenzüberschreitende Arbeit ihrer Vorgängerin übernommen und wird für den zunehmendem Verkehr in den kommenden Jahren ausreichen.


Quellenangabe und Bildquellen (4): „Wasserbillig in der Geschichte der Luxemburger Schifffahrt“ von C. Schiltz; Broschüre „25 Jahre (1966-1991) Fähre Sankta Maria Oberbillig-Wasserbillig“