NIC. DICKEN

Vergangene Woche hatte die vorübergehende Festnahme der luxemburgischen Europaabgeordneten Tilly Metz, die im letzten Jahr das Mandat von Claude Turmes übernommen hatte, für kurzzeitiges Aufsehen gesorgt. Zusammen mit grünen Parlamentskolleginnen hatte Metz an einer bescheidenen Protestkundgebung auf einem flämischen NATO-Luftwaffenstützpunkt teilgenommen und mit einem, in den Dimensionen eher bescheidenen, Schild ihre Einstellung gegen die Stationierung von (amerikanischen) Atomwaffen in Europa zum Ausdruck gebracht.

Dass ausgerechnet VertreterInnen der grünen Bewegung in Europa gegen die neuerlichen Aufrüstungsbestrebungen zwischen Ost und West - für Nostalgiker: Das war die klassische Konstellation des Kalten Krieges! - demonstrieren, notfalls an dafür eigentlich gesperrten Plätzen, sollte nicht wirklich verwundern. Immerhin hat die Grünen-Bewegung, die nirgendwo anders in der Welt so stark ist wie in Europa, vor mehr als vier Jahrzehnten ihren Anfang genommen einerseits mit der Opposition zur Atomkraft, anderseits mit der Gründung der Pazifismusinitiative, die ihren stärksten Ausdruck in den traditionellen Ostermärschen finden sollte. Dieser doppelköpfigen Bewegung hatten sich auch die luxemburgischen Grünen ohne Einschränkung angeschlossen.

Dass Tilly Metz mit ihrer Protestaktion gewissermaßen eine Rückkehr zu den Wurzeln praktizierte, erscheint also, zumindest aus grüner Weltanschauung, eher legitim, wenn auch nicht unbedingt legal. Das waren beispielsweise auch alle spektakulären Aktionen einer Greenpeace nicht, die allerdings im Nachhinein zumeist nicht ohne öffentliche, und damit auch politische Wirkung geblieben sind. Umso erstaunlicher, für die nachhaltige Wirkung der Kundgebung auf der „Kleinen Brogel“ dafür aber absolut geeignet, erschienen die vom grünen luxemburgischen Verteidigungsminister François Bausch verabreichten Schelte gegen die eigene Parteikollegin, die sich mit ihrer Aktion in die absolute Illegalität begeben habe. Da wird man doch den Eindruck nicht los, als habe eine einzige Sitzung der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel aus dem einstigen Pazifismus-Paulus einen knallharten Aufrüstungs-Saulus gemacht.

Es mag einem, in Ermangelung eigener politischer Vorstellungen, um von Neid geprägte Kritik bemühten CSV-EU-Parlamentarier zu Gesicht stehen, sich gegen eine (vielleicht) propagandistisch ausgerichtete Konkurrenzbewegung zur Wehr zu setzen. Aber welcher Teufel den auch in der Pazifismusbewegung groß gewordenen luxemburgischen Verteidigungsminister geritten hat, verschließt sich dem politischen Beobachter.

Die einzige Erklärung: François Bausch ist in der harten Wirklichkeit der Realpolitik angekommen und fügt sich ein in einen Main Stream, der weiter von traditionellem Schwarz-Weiß-Denken geprägt wird.

Man könnte sogar mit Bedauern für Bausch anfügen, ihm bliebe aber auch nichts erspart: Ausgerechnet er musste als neuer Nachhaltigkeitsminister die von ihm hart bekämpfte Nordstraße eröffnen, in gleicher Eigenschaft musste er die Verbreiterung der A3 nach Frankreich auf den Weg bringen, selbst ohne parallele Fahrradpiste.

Wenn das Unglück schon mal zuschlägt ...