Sie ist 44 Jahre alt, in Belgien geboren, hat einen italienischen Pass und einen Universitätsabschluss in Sprachwissenschaften. Erfolgreich ist sie heute mit ihrem eigenen Unternehmen - in der Stahlbranche. Die Rede ist von Marie-Christine Mariani. 2012 wurde ihr der Titel „Woman Business Manager of the Year“ verliehen, und ihr Unternehmen „MCM Steel“ wurde mit dem „Export Award 2013-2014“ ausgezeichnet.
Sie studierten Sprachwissenschaften in Bergamo, um nachher eine ganz andere Berufsrichtung einzuschlagen?
Marie Christine Mariani Mehrsprachig zu sein ist nicht unbedingt eine Stärke der Italiener. Als Jugendliche war es damals mein Traum und mein Berufswunsch, Botschafterin zu werden, was den Entschluss, Sprachwissenschaften zu studieren, erklärt. Allerdings wurde ich bald darauf hingewiesen - da meine Familie nicht über die notwendigen Verbindungen verfügte - meine Chancen für diese Laufbahn seien gleich null. Das führte dann dazu, andere Ziele anzustreben.
Ehe ich aber den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, arbeitete ich für den Radsport, auch eine typische Männerdomäne. Bei großen Radsportveranstaltungen wie der Italien- oder Frankreichrundfahrt, Weltmeisterschaften und so weiter deckte ich den Bereich Öffentlichkeitsarbeit ab und war gleichzeitig Übersetzerin. Eine interessante Arbeit, die ich sogar während mehrerer Jahre nach der Betriebsgründung beibehielt. Aus Zeitgründen war ich dann aber nur noch bei der Frankreichrundfahrt mit dabei. Mit dem Radsportmilieu pflege ich sogar heute noch sehr gute Kontakte. In diesem Jahr hatte ich mir die Zeit genommen, der vierten Etappe, die vom belgischen Seraing nach Cambrai führte, beizuwohnen.
Wieso entschieden Sie sich dann, im Stahlhandel aktiv zu werden, eine Domäne, in der ja hauptsächlich Männer den Ton angeben?
Mariani Ende der 1960er Jahre verließen meine Eltern aus wirtschaftlichen Gründen Italien Richtung Belgien. Wie viele meiner Landsleute wollten sie hier eine neue Existenz gründen. In Ougrée verdiente mein Vater seinen Lebensunterhalt als Stahlhändler. Meine Mutter, meine zwei Geschwister und ich standen ihm tagtäglich zur Seite. Das war mein erster Berührungspunkt mit dem Stahlgeschäft. Nun konnte ich wertvolle Kenntnisse über das Material Stahl wie auch Geschäftspraktiken in der Branche gewinnen, was erklärt, weshalb ich 1998, als ich nach Luxemburg umgezogen war, mich entschloss, die elterliche Tradition hier fortzusetzen. Im Laufe der Jahre habe ich auch einen Master of Business an der Universität Bergamo nachgeholt.
Erfahrungen, die ich in den Jahren im Radsportmilieu gemacht habe, sollten mir in meinem späteren Berufsleben übrigens eine große Hilfe sein. Ich hatte im Laufe der Jahre neben diplomatischem Verhalten auch gelernt, mit den Leuten zu diskutieren oder Akten zu verwalten, aber auch, mich durchzusetzen und mich zu verteidigen.
Anfangs arbeitete ich in Düdelingen, um dann 2012 in die neuen Räumlichkeiten in der Industriezone „Um Wolser“ umzuziehen, wo sich auch unsere Lager-und Produktionshalle befindet. Augenblicklich sind nicht alle Büros besetzt, obwohl ich natürlich an den Ausbau des Unternehmens denke.
Was sind die Aktivitäten von MCM Steel?
Mariani Man kann schon von einer Nische sprechen, die wir besetzen. MCM Steel kauft europaweit ausgemusterte Stahlprodukte ein, die in der Form, wie wir sie erwerben, als unverkäuflich gelten. In einer unserer beiden Produktionslinien werden dann nach Wunsch des Kunden die Produkte weiterverarbeitet, um dann, Made in Luxembourg, exportiert zu werden. Früher waren wir von anderen Unternehmen abhängig, die unsere Produkte verarbeiteten. Das war oft mit viel Organisation und nicht selten sehr hohen Transportkosten verbunden. Auch kam es vor, dass lang abgesprochene Liefertermine nicht eingehalten wurden, was uns veranlasste, diese Arbeiten endlich selbst zu verrichten. Dabei konnten wir bei unseren Plänen und Vorhaben voll auf die Unterstützung der nationalen Kredit- und Investitionsgesellschaft (SNCI) zählen, was sehr hilfreich war. Ein Problem momentan ist, dass der europäische Markt derzeit mit Stahlprodukten aus China überhäuft wird, Produkte, die wir aus Qualitätsgründen nicht kaufen. Diese gegenwärtige Importschwemme hat den Nachteil, dass immer weniger in Europa produziert wird und dadurch immer weniger europäische Ware auf dem Markt ist, was natürlich seine Auswirkungen auf den Preis hat, auch bei Nischenprodukten wie den unsrigen.
Heute exportieren wir in 40 Länder weltweit. Etwa 15 Prozent der Produktion werden in die angrenzenden Länder und die Niederlande ausgeführt, zehn Prozent in die Türkei. Einen bedeutenden Kundenstamm hat MCM Steel auch in Afrika, im Mittleren Osten, vor allem in Saudi-Arabien. Augenblicklich liegt der jährliche Geschäftsumsatz bei 42 Millionen Euro.




