LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Eine Verteidigung der Abtreibung nach der Argumentation von Judith Thomson

Ist eine Abtreibung moralisch vertretbar? Gäbe es eine Einigkeit in der Beantwortung dieser Frage, wäre das Thema nicht ein solch heikles. Das Hauptargument der Gegner lautet, dass eine Abtreibung Mord darstellt. Mord an einem noch ungeborenen Menschen. Hier setzt die Debatte bereits an; wann ist der Mensch ein Mensch? Laut Duden spricht man ab dem vierten Schwangerschaftsmonat von einem Fötus oder einem Embryo. Ist damit der Beginn des Menschseins gekennzeichnet? Oder geht dieser gar auf den Moment der Eizellenbefruchtung zurück, sodass auch bereits eine Kombination von Zellen, die dem Endzweck „Mensch“ entsprechen sollen, als Mensch gelten? Diese Fragen sind schwieriger Natur und geben Raum für allerlei Reflexionen. Wenn die befruchtete Eizelle ein Mensch ist, ist dann auch bereits eine befruchtete Eichel ein Baum? Ein befruchtetes Ei ein Huhn? Lassen wir dies kurz bei Seite und nehmen der Argumentation zuliebe an, dass die befruchtete Eizelle als Mensch gilt und eine Abtreibung dessen Tötung darstellt.

Die Artikel der Menschenrechtscharta lehren uns, dass jeder Mensch das Recht auf Leben hat, aber auch, dass jeder Mensch das Recht auf Eigentum, also in diesem Sinne, auch auf Verfügung über den eigenen Körper hat. Man kann nun argumentieren, dass das Recht auf Leben des Embryos das Recht der Frau überwiegt, nach dem sie über ihren Körper bestimmen darf. Eine Abtreibung ist dann nicht gewährbar. Richten wir das Licht nun auf Sonderfälle, wie etwa ungewollte Schwangerschaft nach Vergewaltigung. Hierzu führt Thomson ein zunächst befremdlich erscheinendes, aber dennoch akkurates Beispiel an. Stellen Sie sich vor, sie erwachen eines Morgens in einem Bett neben einem weltbekannten Violinisten. Besagter Violinist kämpft mit einem gefährlichen Nierenleiden und um ihn zu retten, muss das Reinigungssystem der Nieren über eine externe Niere garantiert werden. Da Sie als einzige Person im Umkreis die entsprechende Blutgruppe haben, gab es der Gesellschaft der Musikliebhaber zufolge keine andere Möglichkeit, als Sie zu kidnappen, zu anästhesieren und den Blutaustausch der Nieren des Violinisten über den Ihrer Nieren laufen zu lassen. Nun liegen Sie mit Schläuchen verbunden im Bett und wissen nicht, wie Ihnen geschieht. Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob Sie zustimmen müssen, dem Violinisten so zu helfen und ihn am Leben zu halten, oder ob es sich auch moralisch rechtfertigen lässt, wenn Sie dies verwehren. Nehmen wir also an, die Transfusionsdauer beträgt einen halben Tag und wird Ihnen gesundheitlich nicht schaden. Zwar ergibt sich dadurch noch nicht, dass der Violinist tatsächlich das Recht darauf hat, von Ihnen substituiert zu werden, aber es ist zumindest moralisch fragwürdig, wenn wegen eines halbtägigen Zeitaufwandes das Leben des Violinisten gefährdet wird. Doch wie verhält es sich, wenn wir über neun Monate sprechen, oder gar über 20 Jahre? Hat der Violinist dann etwa das Recht auf Ihre Nieren, und ist es dann noch immer verwerflich, wenn Sie sich dagegen entschließen? Auch hier hat der Violinist kein Recht über Sie. Nur weil er ein Recht auf Leben genießt, wie jeder Mensch und somit auch jedes Embryo, heißt das noch nicht, dass damit das Recht einhergeht, über den Körper eines anderen verfügen zu können. Wenn dieser Andere dem zustimmt, ist es ein Zeichen von samaritätischem Wohlwollen, aber nicht aus einer verbindlichen Konsequenz erfolgend. Spinnen wir den Fall weiter. Die Nierensubstitution versetzt auch Sie in eine gesundheitlich gefährliche Lage. Würde es Ihnen jemand vorwerfen, wenn Sie sich dann gegen die Transition wehren, die Schläuche entfernen und Ihr eigenes Weiterleben sichern? Natürlich wünschen Sie dem Violinisten nicht den Tod, jedoch geht es um die Wahrung Ihres eigenen Lebens. Wer könnte schon verlangen, dass Sie dies über sich ergehen lassen müssen, auch wenn Sie niemals zugestimmt haben als Transfusionspartner herzuhalten; auch wenn es Sie bis an Ihr Lebensende an ein Bett kettet und auch, wenn Sie selbst mit dem Tod rechnen müssen?

Vehemente Gegner der Abtreibung sehen Abtreibung auch in den Fällen von Vergewaltigung als absolut unvertretbar an. Doch die Argumentation Thomsons zeigt auf, dass nicht nur der Fötus ein Recht auf Leben hat, sondern auch die Mutter. Und die Mutter hat vor allem auch das Recht, über ihren eigenen Körper zu verfügen. Dem 14-jährigen Mädchen, das Opfer von Vergewaltigern wurde und nun traumatisiert und schwanger vor einem existenziellen Albtraum steht, kommt ganz klar das Anrecht, und auch die moralische Pflicht gegenüber sich selbst zu, über ihr eigenes Leben zu verfügen, sodass eine Abtreibung in diesem Falle nicht moralisch verwerflich und, wie wir sahen, auch nicht als illegal eingestuft werden dürfte. Wie gesagt, nur weil dem Embryo ein Recht auf Leben zugesprochen wird, geht damit nicht einher, dass ihm auch das Recht zukommt, über den Körper der Frau zu verfügen, sich von ihm zu nähren und in ihm zu wohnen. Nicht zu vergessen analysierten wir hier den Fall einer ungewollten, aus Vergewaltigung entstehenden Schwangerschaft. Denn auch wenn der Embryo nichts dafür kann, dass er entstanden ist, wie auch der Violinist nichts dafür kann, dass er ein Nierenleiden hat und dass die Gesellschaft für Musikliebhaber auf abstruse Ideen kommt, bedeutet dies noch lange nicht, dass eine Frau das Recht auf ihren eigenen Körper oder ihre psychische Unversehrtheit in jedem Fall aufgeben muss.