LUXEBURG
CLAUDE KARGER

Vor hundert Jahren fielen Elsass und die „Moselle“ zurück an Frankreich

Am 8. Dezember 1918, einen knappen Monat nach dem Waffenstillstand, der das Ende des Ersten Weltkriegs besiegelte, schlug das Pendel zurück: bei einer offiziellen Zeremonie in Metz wurde die Rückkehr der „verlorenen Provinzen“ Elsass und Lothringen - genauer des Elsass und des heutigen Departements Moselle - nach Frankreich gefeiert. Zuvor waren überall im ehemaligen Reichsland Elsass-Lothringen Denkmäler für den Kaiser gestürzt worden, es kam zu Übergriffen gegen imperiale Verwaltungen und deutsche Geschäfte. Französische Truppen waren sofort nach dem Waffenstillstand in die Provinzen vorgerückt. In den Augen der Franzosen war die Schmach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 gesühnt. Damals hatte sich das Deutsche Reich durch den Frankfurter Vertrag vom 10. Mai 1871 die Provinzen einverleibt, die zuvor übrigens über Jahrhunderte zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehört hatte. Erst durch die Expansionspolitik Frankreichs im 17. Jahrhundert waren das Moselgebiet und das Elsass, wo kaum jemand Französisch sprach, annektiert worden.

Dass der überwiegende Teil der Elsässer Deutsch sprach oder den Dialekt der Region führte allerdings nicht dazu, dass die Annektion durch das Deutsche Reich 1871 von der Bevölkerung gebilligt wurde. Quellen belegen, dass es immer wieder zu Konflikten mit der Reichsverwaltung kam.

Ihr ging es weniger um eine Eingliederung der Territorien aus historischen oder kulturellen Beweggründen, sondern um die Schaffung einer militärischen Pufferzone zwischen dem Reich und Frankreich, wie es Reichskanzler Bismarck 1874 in einer Rede vor dem Reichstag bekannte. Dass das Reich auch das weitestgehend französischsprachige Moselland beanspruchte hatte deutlich strategische Gründe: Die Festung Metz, um die 1870 hart gekämpft worden war, war ein wichtiges Bollwerk in der Verteidigungslinie der Deutschen.

Ausgewiesen

Es gab natürlich auch wirtschaftliche Interessen: Elsass und Moselland verfügten über wichtige natürliche Ressourcen wie Eisenerz und andere Metalle. Die Zeit des „Reichslands“ ging übrigens einher mit einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Das lockte in dem knappen halben Jahrhundert der Zugehörigkeit zum Reich auch eine Menge Bürger aus anderen Teilen Deutschlands in diese Provinzen. Eine Erhebung aus dem Jahr 1910 zeigt, dass sie damals insgesamt 1,8 Millionen Einwohner zählten, darunter knapp 300.000 Deutsche, von denen etwa die Hälfte seit 1871 eingewandert war.

Sie gerieten 1918 ins Visier der französischen Behörden, und rund 100.000 Menschen aus Lothringen und 150.000 aus dem Elsass, die sich ab 1871 dort niedergelassen hatten sowie deren Nachkommen mussten zurück ins Reich.

Frankreich führte zudem eine Assimilierungspolitik durch, forcierte den Französischunterricht in den Schulen der betroffenen Departements. Besonders im Elsass wurde das als Aggression betrachtet und heizte autonomistische Bestrebungen an. Autonomistische Parteien sollten später sogar in allen Wahlkreisen absolute Mehrheiten erringen. Das Verhältnis mit Paris war äußerst gespannt, der Staat brachte autonomistische Politiker hinter Gittern. Bis heute aber halten sich besonders im Elsass, das so oft in der Geschichte den „Besitzer“ wechselte, und in vielen Bereichen spezielle Statute genießt, Unabhänigigkeitsbestrebungen und wird mehr als in anderen Gebieten Frankreichs auf Autonomie gepocht. Was auch die heutige Regierung in Paris vor Herausforderungen stellt.