DIEKIRCH
CLAUDE KARGER

Eine Ausstellung und ein Buch blicken auf 150 Jahre Karnevalsgeschichte in Diekirch zurück

Der Maskenzug, welcher am letzten Montag Nachmittag beim prächtigsten Sonnenschein hierselbst stattfand, dauerte volle drei Stunden und fiel zur Satisfaktion der Organisatoren und zum größten Spaß der zahllosen Zuschauermenge über alle Erwartungen glänzend aus. Dank dem obwaltenden guten Einvernehmen zwischen Pompierscorps, Sängerbund und Musikgesellschaft, welche sich sämtlich an diesem Zuge betheiligten und denen sich einige Fastnachtsfreunde für die Gelegenheit zu gesellt hatten“. So berichtet das Blatt „Luxemburger-Volksfreund“ am 3. März 1870 über den ersten großen Masken-Zug vom 28. Februar des gleichen Jahres durch Diekirch. Das Hauptverdienst für die „Kavalkade“ wird Alb. Wunsch zugeschrieben, dem damaligen Kommandanten des Feuerwehrkorps der Sauerstadt. Wo auf dem unscharfen Gruppenfoto mit hunderten Teilnehmern an der ersten Diekircher Kavalkade unter dem Motto „Expedition nach dem Schlaraffenland“, das sich bis heute erhalten hat, zu sehen ist, ist nicht zu sagen.

Logistische und finanzielle Herausforderung

Spaß mag den Teilnehmern der Umzug sicherlich bereitet haben. Allerdings riss die Veranstaltung auch ein beträchtliches Loch in die Kasse. Am Ende standen 1.000 Goldfranken Ausgaben nur 158 Franken Einnahmen gegenüber, wie Ern Breuskin in der Neuerscheinung zu 150 Jahren „Dikricher Kavalkad“ schreibt. Der ehemalige Professor und Gemeinderat hat für die „Eselen aus der Sauerstad Dikrich“ die Geschichte der Karnevalsbräuche recherchiert.

„Seit 1978 ist alles hervorragend dokumentiert“, sagt der leidenschaftliche Lokalhistoriker beim Treffen am Vortag der Kavalkade 2020 im Geschichtsmuseum, wo derzeit eine Ausstellung zum Thema zu sehen ist, „davor gibt es weit weniger Quellen“. Von Fotos ganz zu schweigen. Aber die Dokumente, die aufgetrieben werden konnten, erzählen von einer Zeit, als die Schauwagen von Ochsen und Pferden durch die Sauerstadt gezogen wurden, von vergangenen Weltbildern, geprägt durch die Faszination durch den unbekannten Orient – „Siegeszug der tapferen Sadi & Zora Bey aus Constantinopel mit der gefangenen Blutbraut Soliha aus dem Beduinenstamm Beni-Kavas in Arabien“, wird etwa der Fastnachtsumzug am 1. März 1897 angekündigt – aber auch von Fortschrittsglauben. 1882 wurde etwa die „Verlobung und Vermählung der Stadt Diekirch (allegorisch dargestellt durch die Prinzessin Sura) mit dem Prinzen Progrès“ gefeiert. Es war die Ära des industriellen Aufschwungs. Auch in Diekirch wurde Eisen gegossen und Maschinen gebaut, Brauerei, Sägewerk, Zucker- und Dachziegelfabrik hatten sich in den 1870ern etabliert und das Bild der Stadt verändert. Nur fünf Kavalkaden wurden bis zur Jahrhundertwende gezählt.

„Man muss bedenken, dass eine solche Organisation stets ein beträchtlicher logistischer und finanzieller Aufwand ist“, erklärt Ern Breuskin. Die Transportwege waren nicht wie heute und die Ochsen- und Pferdegespanne konnte man nach dem bunten Treiben nicht einfach irgendwo stehen lassen.

Party-„Hotspot“ Diekirch

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hielt die Motorisierung zwar Einzug, aber die Zeiten waren schwierig, besonders durch die Weltkriegswirren und – entbehrungen. Große Kavalkaden gab es zwischen 1900 und 1946 keine, dafür aber eine Reihe von kleineren Umzügen. Diekirch hatte seit Ende des 19. Jahrhunderts den Ruf, DIE Hochburg des karnevalistischen Treibens in Luxemburg zu sein. Zahlreiche Bälle waren im Angebot – von populär bis gediegen – und zogen Besucher aus ganz Luxemburg und Umgegend an. Überhaupt war die Stadt ein Feier-„Hotspot“. Hier gab es einst zahlreiche Hotels und sogar eine Pferderennbahn, die viele Besucher auch aus dem Ausland anzogen.

1946 wurde die Kavalkaden-Tradition wieder aufleben gelassen. Nicht ohne Polemik. „Es gab Stimmen, die es für unangebracht hielten zu feiern, wenn Teile der Stadt nach der Ardennenschlacht noch in Schutt und Asche lagen, Familien Angehörige im Krieg verloren hatten und noch Zwangsrekrutierte in Russland waren“, erzählt Ern Breuskin. Am Ende setzte sich aber die Meinung durch, nach den Kriegsentbehrungen müsse nun der Aufbruch in eine neue Zeit gefeiert werden. Bis 1954 fand fast jedes Jahr ein Umzug statt. Danach sollte es bis 1979 dauern, bis wieder Motivwagen durch die Sauerstadt fuhren. Der 1978 neu gegründete Karnevalsverein „Eselen aus der Sauerstad Dikrich“ knüpften wieder an die Tradition an. Erster Präsident war Aimé Scholtes, Friseurmeister und leidenschaftlicher Musiker. Seither fiel nur eine Kavalkade aus: 1991 wegen des Golfkriegs.

Die Ausstellung ist im Kulturmuseum in der Rue du Curé gleich hinter der Laurentiuskirche zu sehen. Täglich außer Montags von 10.00 bis 18.00 geöffnet. Hier steht auch das Buch zu 150 Jahre Dikricher Cavalcade zum Verkauf. Mehr Infos: www.cavalcade.lu