NORA SCHLEICH

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ - Friedrich Schiller

Schiller ist also der Meinung, dass nur der spielende Mensch seiner Bestimmung ‚Mensch’ gerecht werden kann. Ist Pokémon Go nun schlussendlich das erlösende Geheimnis unserer Spezies? Sind Playstation, Xbox und ähnliches die sakralen Elemente, wodurch die Menschheit ihre Entwicklung bis zur Vollkommenheit voranbringen kann? Nun ja, denke ich an das Klischee des gammelnden „Gamers“, finde ich es doch angebracht, diese Deutung in Frage zu stellen. Um verstehen zu können, was Schiller mit eingangs Zitiertem tatsächlich meinte, müssen wir uns sein Konzept des Menschen und, vor allem, des Spiels näher ansehen. Kurzgefasst ist für Schiller, wie für die meisten Vertreter der damaligen, stark von der Aufklärung geprägten Epoche des Sturm und Drangs, das Konzept der Bestimmung des Menschen ein duales. Der Mensch besteht aus einem körperlichen, sinnlichen Stofftrieb und einem vernünftigen, geistigen Formtrieb.

Beide Triebe können nicht unabhängig voneinander bestehen, und weder die Vorherrschaft des einen, noch die des anderen kann dazu führen, dass der Mensch sein Ich verwirklichen kann. Denken wir zum Beispiel an einen rein instinktgetriebenen Menschen, der sich keine Gedanken um Konsequenz und Verantwortung seines Tuns macht. Er lebt von jetzt in den Tag hinein, befriedigt seine niederen Bedürfnisse und kommt über das Dasein des vegetativen Wesens nicht hinaus. Der ausschließlich kopfgesteuerte Mensch mag zwar vielleicht durch Disziplin und rigorose Planung seine Ambitionen verwirklichen können, nur kommt seine Gefühlswelt dabei oftmals zu kurz, ... Burnout, Depression, wir alle kennen die Leiden der heutigen Stressgesellschaft. Doch wie können beide Triebe in Einklang herrschen?

Dies geht laut Schiller nur im Spiel. Mit ‚Spiel’ meint besagter Autor den Zustand, in dem wir uns in einem Moment befinden, wo Empfindsamkeit und Rationalität gleichermaßen aufeinander wirken, das heißt, dass weder bloß körperliche Begierden bestimmen, wie wir empfinden, noch, dass der Kopf uns diktiert, wie wir etwas zu verstehen haben. Erst wenn wir es schaffen, beide Triebe gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen, können wir uns in einem freien Zustand befinden, im Spiel, in dem beide menschliche Seiten sich gegenseitig begrenzen und fördern können. Nur dann kann der Mensch bestmöglich und in Harmonie die Entwicklung zu seiner ‚Person’ erfahren. So ist es wichtig, seine Triebe zu schulen: Zu lernen, sich zu beherrschen, wenn unser innerer Schweinehund nach der Befriedigung der instinktiven Bedürfnisse schreit. Aber auch, dem Bauchgefühl Gehör zu schenken, wenn das Diktat der Gedanken uns gefangen zu halten droht.

Dieses Beispiel ist durch das spielende Kind bestens zu illustrieren. Es nutzt seine Bauklötzchen, um zu erfahren und zu probieren. Um herauszufinden, wie seine Fantasie, die Form, am besten zu Stoff, Realität, werden kann. Im spielenden Zustand ist es ganz dem Moment hingegeben, und erfährt sein Dasein und seine Umwelt ohne Zwang und Vorurteil. Es erlebt eine Distanz zu den Bedingungen des Alltags und lebt ganz in seiner Fantasie. Ja, das Spiel ist wichtig für die Entwicklung des Kindes, da wird niemand widersprechen.

Doch genau dieser spielende Zustand ist wichtig für den Menschen als solchen, unabhängig von Alter und Status. Auch der Erwachsene muss spielen, um seine beiden Wesenheiten, Bauchgefühl und Intellekt, aufeinander einstimmen zu können. Es ist also daher nicht bloß erlaubt, zu spielen, sondern gar notwendig für eine harmonische Entwicklung, fern von gesellschaftlicher Nötigung und übertriebener Exigenz. Der Erwachsene kann die spielerische Freiheit seines Gemüts auch während der Betrachtung künstlerischen Guts erfahren, sei dies bei einem Museumsbesuch, beim Lauschen ansprechender Musik oder beim Erleben eines Bühnenspiels. So oder so, die Art des Spiels muss Raum für die Erweiterung des Gemüts lassen, es muss dessen Freiheit ermöglichen! Ob dieser Grundlage von einer externen Spielesoftwarefirma Rechnung getragen werden kann, ist fraglich. Diese letzte Bemerkung sei drum gestattet: Das freie Spiel um des Spielens Willen ist unentbehrlich, das heruntergeladene Spiel, was primär den Ertrag des Herstellers befeuert, eine gefährliche und entwicklungshemmende, die eigene Freiheit eindämmende Illusion. Auch wenn die kleinen Monster noch so süß erscheinen, eine gewisse Reflexion um das eigentliche ‚Was’, dem man seine Stunden opfert, darf nicht zu kurz kommen.