PARIS
CHRISTIAN SPIELMANN

„Oliver Twist - le Musical“ in der „Salle Gaveau“ in Paris

Charles Dickens‘ zweiter Roman „Oliver Twist; or The Parish Boy’s Progress“ (deutsch: „Oliver Twist oder der Weg des Fürsorgezöglings“) erschien als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift „Bentley’s Miscellany“ zwischen Februar 1837 und April 1839. In der „Salle Gaveau“ in Paris wurden bis jetzt exklusiv Konzerte gespielt, bis Produzent Alexandre Piot die Idee hatte, ein erstes Musical in dieses Theater zu bringen, „Oliver Twist - le Musical“, das er aus einer ersten Lesung kannte. Shay Alon komponierte die Musik und Christopher Delarue schrieb das Buch. Mit Ladislas Chollat konnte ein äußerst talentierter Regisseur engagiert werden.

Im verruchten London des 19. Jahrhundert

Nebel liegt auf der Bühne. Oliver Twist (Nicolas Motet) lebt in einem Waisenhaus, in dem Hunger groß geschrieben wird. Als er mehr Essen vom Betreiber M. Bumble (Jeff Broussoux) und seiner Gehilfin Mme. Corney (Prisca Demarez) verlangt, wird er in eine Einzelzelle gesteckt, ehe er an den Totengräber M. Dumbly (Gilles Vajou) und seine Frau (Catherine Arondel) verkauft wird. Er flieht nach kurzer Zeit und lernt in London den Dieb Dickens (Benoît Cauden), kurz Kens genannt, kennen, der ihn mit zu Fagin (David Alexis) nimmt, dem Oberhaupt einer Diebesbande. Hier wird Oliver etwas besser behandelt als zuvor. Zur Bande gehören noch Nancy (P. Demarez) und ihr Geliebter Bill Sax (Arnaud Léonard), ein rücksichtsloser Kerl. Oliver wird des Diebstahls an M. Bronlow (G. Vajou) beschuldigt, kann aber durch eine Zeugin entlastet werden. Auf Bitte seiner Haushälterin Rosa (C. Arondel) nimmt der wohlhabende Herr Oliver mit zu sich nach Hause. Dort bietet sich dem Jungen ein normales Leben, bis er wieder in den Fängen von Fagin landet. Jetzt soll er Sax helfen, ins Haus von Brownlow einzubrechen.

Das bekannteste Musical nach Dickens Roman, „Oliver“, komponierte Lionel Bart 1960. In der „Salle Gaveau“ ist man musikalisch von diesem Klassiker entfernt, denn Shay Alon hat seinen eigenen Stil und seine Partituren klingen äußerst gefällig. Besonders die Songs „Belle journée“, „Grâce à Fagin“, „Grand temps“ und „Tiens bon, sois fort“ stechen hervor. Die Tanzeinlagen von Avichai Hacham passen hervorragend zu den Liedern und lenken nicht vom Geschehen ab, wie das oft bei anderen französischen Spektakeln der Fall ist.

Herrliches Ambiente

Auf dem Bühnenhintergrund ordnen alte Plakate das Geschehen ins 19. Jahrhundert ein. Die Kostüme der Waisen sehen echt eklig aus. Kostümbildner Jean-Daniel Vuillermoz gebührt ein großes Lob für die zeitgemäßen Kleider und die fantasievollen Kreationen während des Lieds „Fastoche“, wo der Stoff aus Zeitungspapier zu sein scheint. Auch Maskenbildnerin Catherine Saint-Sever hat eine bemerkenswerte Arbeit geleistet.

Sie lässt durch das Make-up und die Perücken in Kombination mit den Kostümen M. Bumble, Mme. Corney, das Ehepaar Dumbly und Sax aussehen, als seien sie einer surrealen Welt entsprungen, während Fagin an den Zauberer Merlin erinnert.

Nicolas Motet ist 16 Jahre alt, war 2014 im Halbfinale von „The Voice Kids“ und ist ein außergewöhnliches Energiebündel, das bravourös tanzen, schauspielern und singen kann. Ausgezeichnet sind ebenfalls der quirlige David Alexis - er spielte Merlin (!) im Musical „La légende du Roi Arthur“ -, Multitalent Prisca Demarez - sie war Grizabella in „Cats“ im Théâtre du Mogador - und Arnaud Léonard als brutaler Schlägertyp. Aus „Oliver Twist - le Musical“ ist somit ein hervorragendes Musical geworden, das man nicht verpassen sollte.


Alle weiteren Informationen und Tickets unter www.olivertwist-lemusical.fr