COLETTE MART

Die weltweite Revolte gegen rassistische Polizeigewalt in den USA schwappte auf die europäische Kulturgeschichte über, und die Öffentlichkeit scheint jetzt Denkmäler, die an Sklaverei und Unterdrückung rühren, nicht mehr zu tolerieren. Auch geriet das kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte, „Vom Winde verweht“ wegen rassistischer Klischees in die Schlagzeilen. Die aktuelle Revolte ist wichtig, weil erstmals die aggressive Art der Europäer, in vorigen Jahrhunderten die Welt zu dominieren, Grund zum Volkszorn zahlreicher Menschen wurde. Allerdings fragt man sich als politischer Beobachter, was denn mittelfristig von dieser Wut übrigbleiben wird, und ob sie unsere Gesellschaft tatsächlich verändern wird.

Denkmäler dokumentieren einen bestimmten Zeitgeist, und Leopold II., der sich grausamster Menschenrechtsverletzungen im Kongo schuldig gemacht hat, wurde trotzdem in Stein gehauen und als Erbauer zahlreicher Kulturdenkmäler in Brüssel zelebriert. Auch wenn eine Debatte um die Opportunität dieser Denkmäler seit langem ansteht, werden wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, und die Menschenrechtsverletzungen nicht wieder gut machen, indem wir die Debatte auf die Darstellung unserer Geschichte in der Kultur fokussieren. Tatsache ist, dass die Europäer seit dem 16. Jahrhundert eine kriegerisch-arrogante Leitkultur an den Tag legten, die zu unzähligen Völkermorden in Nord-und Südamerika, in Afrika, und zu einer allgemeinen Strategie der Unterdrückung, Versklavung und Ausbeutung einheimischer Bevölkerungen in zahlreichen Gegenden der Welt führte. Die Politik erwies sich, in all diesen Jahrhunderten, als zweigleisig, und ist es bis heute geblieben. Während zum Beispiel Winston Churchill und Charles de Gaulle maßgeblich an der Befreiung Europas vom Hitler-Deutschland beteiligt waren, waren sie durch ihre führende Position mitverantwortlich für eine grausame und ungerechte Kolonialpolitik Englands und Frankreichs in dieser Zeit.

Churchills Verdienst war es einerseits, sich den Nazis nicht zu unterwerfen, andererseits ist er mitschuldig an der Trennung zwischen Indien und Pakistan, die zu Millionen Toten in dieser Region der Welt führte. England ist das Geburtsland der parlamentarischen Demokratie, aber auch jenes der Mitverantwortung an der Eroberung Nordamerikas und der damit verbundenen Ausrottung der Indianer. Frankreich ist das Land der Revolution, die die Frauen von politischer Gleichberechtigung ausschloss und keine langfristige Lösung für die Herausforderungen der Gleichberechtigung der Menschen in Frankreich darstellte. Es ist diese Zweigleisigkeit, diese Scheinheiligkeit oder auch Doppelzüngigkeit, die uns Europäer bis heute begleitet, und die jetzt dazu führen kann, dass wir vielleicht Denkmäler abreißen, aber Alltagsrassismus weiterhin tolerieren und auf diese Weise mittragen. Die Aufarbeitung der Geschichte macht demgemäß nur Sinn, wenn wir gleichzeitig bereit sind, die Verantwortung für das geschürte Leid zu übernehmen, die Arroganz in unserer Kultur abzulegen, die Scheinheiligkeit in der Entwicklungshilfe zu hinterfragen, und zumindest daran zu arbeiten, Menschen wegen ihrer Hautfarbe nicht mehr zu diskriminieren. Ansonsten ist die derzeitige Revolte bald vom Winde verweht….