LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Zwei besondere VR-Erlebnisse im Test: „Alice, the Virtual Reality Play“ und „Separate Silences“

Je nach Kunstverständnis könnte es auch eine zeitgenössische Kunstinstallation sein, immerhin befinden wir uns im „Casino Luxembourg - Forum d’art contemporain“. Zwei Krankenpritschen mit weißen Decken, daneben jeweils Infusionsständer mit gefülltem Beutel, stehen einander im „Aquarium“ des Ausstellungshauses gegenüber. In der Tat ist das angedeutete Krankenhauszimmer Teil der „Virtual Reality“-Erfahrung „Separate Silences“ (Mannd Cinematic), realisiert von einem jungen Filmemachertrio aus Dänemark.

Schuhe ausziehen, hinlegen, Headset aufsetzen

Man bittet mich die Schuhe auszuziehen und es mir unter der Decke bequem zu machen. Ich überlege kurz, welche Socken ich an diesem Morgen übergestreift habe, dann leiste ich der Aufforderung Folge. Maximilien tut mir gegenüber das Gleiche. Wir sind Zwillinge, nicht im richtigen Leben - wir kennen uns nämlich überhaupt nicht -, sondern in der virtuellen Welt, in die wir gleich jeder für sich und doch irgendwie gemeinsam eintauchen werden. Maria H. Engermann, sie ist „Experience Designer“ dieser Produktion, streift mir die VR-Brille über. Signe Ungermand, technische Künstlerin, tut dasselbe bei Maximilien, während Regisseur David Wedel am Computer alles startklar macht. Bevor auch noch die Kopfhörer hinzukommen, erklärt mir Maria ganz kurz, was mich in den nächsten 20 Minuten erwartet. Richtig darauf vorbereitet bin ich dann doch nicht.

Beklemmend real

Nach einem Verkehrsunfall liege ich im Koma, genau wie mir gegenüber im gleichen Zimmer mein Zwillingsbruder. So wie mein fiktionaler Charakter fühle auch ich mich plötzlich in meinem Körper gefangen. Ich schaue mich um, inspiziere das Zimmer und blicke in die besorgten Gesichter der Krankenschwester und des Arztes. Ein beklemmendes Gefühl ist es tatsächlich: Durch die Augen einer Komapatientin auf den eigenen Körper blicken und noch dazu am eigenen Leib spüren, wie die Krankenpflegerin sich neben einen aufs Bett setzt und einem die Hand hält. Das passiert nämlich wiederum tatsächlich, denn um das VR-Erlebnis so realistisch wie möglich zu gestalten, kümmert sich das dänische Trio zeitgleich zum Geschehen auf virtueller Ebene um die Sinne der Teilnehmer in der Realität. Auch der Geruchssinn wird stimuliert, und den kalten Wind spürt man in einer nächsten Szene ebenfalls im Gesicht. Was mit dem virtuellen Körper geschieht, passiert also in gewisser Weise auch mit dem physischen. Maximilien erlebt mir gegenüber das Ganze aus seiner Perspektive.

Etwas störend ist wohl die Tatsache, dass in dem Film Dänisch gesprochen wird und man auf das Lesen von Untertiteln angewiesen ist, was das richtige Eintauchen in die virtuelle Welt doch etwas bremst. Dennoch ist „Separate Silences“ - frei erst ab 16 Jahren übrigens - ein einzigartiges Erlebnis, Gänsehaut inklusive.

„Follow the Rabbit“ ins Wunderland

Weit unbeschwerter und spaßiger geht es dagegen in „Alice, the Virtual Reality Play“ (DVGroup) zu. Bei diesem VR-Erlebnis gibt es keine Altersbegrenzung, allerdings muss man der englischen Sprache mächtig sein, weil man nämlich als Protagonist richtig mitspielen und -reden muss. Vielmehr noch trägt man sogar maßgeblich zum Verlauf der Geschichte bei, indem man nämlich in die Rolle der Alice schlüpft und dem Kaninchen ins Wunderland folgt. Mir ist das Ganze erst einmal nicht geheuer, etwas gehemmt bin ich sogar, nicht umsonst habe ich von einer Karriere als Theaterspielerin abgesehen. Doch lässt man sich erst einmal auf das Spiel ein, schaut sich in der stechend scharfen, bunten Wunderwelt um, atmet deren Gerüche noch dazu ein, dann fällt plötzlich auch das Reden und Interagieren mit dem gestressten Hasen, mit Humpty Dumpty und Absolem, der blauen Raupe, leicht. Live Performance - zwei tolle und bemerkenswert spontan agierende Schauspieler sind am Werk - wird in diesem VR-Play mit der immersiven Technologie vermischt, was „Virtual Reality“ definitiv noch einmal auf eine andere Erlebnisebene bringt. Beide VR-Werke sind absolut empfehlenswert.