LUXEMBURG
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Die blaue Pille mit Wiedererkennungswert stützt seit 20 Jahren bei Erektionsstörungen

Ursprünglich als Medikament gegen Bluthochdruck getestet, entwickelte der große Pharmakonzern Pfizer 1998 praktisch durch einen Unfall das erste wirklich wirksame Mittel gegen Erektionsstörungen: Sildenafil, besser bekannt unter dem Markennamen „Viagra“, war seitdem für den Konzern ein voller Erfolg. Daneben taugt der Stoff aber sogar zu anderen Einsatzzwecken: So wirkt Sildenafil etwa nachweislich bei Höhenkrankheit und wird bei manchen chronischen Lungenkrankheiten zur Behandlung eingesetzt.

Zu Rekordzahlen brachte es der Wirkstoff aber als „Viagra“, unter anderem auch, weil es erstmals im großen Stil erlaubte, über Potenzprobleme und sexuelle Störungen zu sprechen. Mediziner nennen es den „Viagra -Effekt“. Ein riesiger Erfolg, auch finanziell. Und das, obwohl der Stoff auch weiterhin rezeptpflichtig und trotz Konkurrenzdruck durch alternative Produkte und Generika weiterhin entsprechend teuer bleibt. In Luxemburg fallen so knapp zehn Euro pro Pille an - für das Original, wohlgemerkt. Ein stolzer Preis.

Aus diesem Grund wurde Anfang März eine entsprechende Petition in der Abgeordnetenkammer deponiert, die eine Kostenrückerstattung der Potenzmittel und eine Einordnung von Potenzproblemen als ernst zu nehmende Erkrankung fordert. Die Petition 976 kann derzeit noch unterzeichnet werden. o

Viagra und Co. - Mittel gegen ein ernsthaftes Problem

Keine Spaßdroge

Wieso löst die Nennung eines Medikamentes Gelächter oder mindestens schiefes Grinsen aus? In den letzten Jahren hat die Gesellschaft in weiten Teilen den Wert der Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Arten der sexuellen Orientierung schätzen gelernt. Gut so! Nur wer die berühmten „blauen Pillen“ nimmt ist mit Gelächter konfrontiert... dabei täte auch hier Toleranz gut. Eigentlich war das US-Unternehmen „Pfizer“ auf der Suche nach einem Lungenheilmittel - solange, bis die Probanden der klinischen Studie mit unerwarteten Erektionen da standen. Sorry für den Kalauer. Eine Zufallserfindung und ein Milliardengeschäft, denn „Pfizer“ war schlau genug, das erste wirklich funktionierende Medikament gegen erektile Dysfunktion, vulgo Impotenz, weiterzuentwickeln.
Am 28. März 1998 kam es in den USA unter dem Handelsnamen „Viagra“ auf den Markt. Die Geburt eines Mythos - das blaue Wunder, das alten Recken wieder aufs Pferd half und chemisch herbeigeführte Standfestigkeit bis ins hohe Alter garantierte. Boulevard-Medien machten schnell aus der blauen Pille die Spaßdroge für alte Lustmolche…
… wobei diese Interpretation die Grundfunktion von Viagra und den Nachfolgemitteln grundsätzlich falsch darstellt. Viagra und Co. machen nicht geil, sie lösen - simpel formuliert - ein bio-hydraulisches Problem: Blut wird in den Penis gepumpt, Sexualität kann wieder erlebt werden. Sexuelle Lust muss man schon selber mitbringen.
Das Risiko einer erektilen Dysfunktion steigt mit dem Alter, schon im McKinsey-Report von 1948 (!) wird eine Quote von 25 Prozent bei Männern über 56 angegeben. Die heutigen Zahlen der US-Gesundheitsstatistik sind sogar noch höher. Alter ist bekanntermaßen keine Krankheit, sondern nur lästig, und nur eine der Ursachen für das hässliche Ding Impotenz. Diabetes, Arthrose und die Nebenwirkungen verschiedener Medikamente und Operationen in delikaten Bereichen gehören zu den weiteren Auslösern von erektilen Dysfunktionen. Von wegen Lustmolchdroge.
Viagra und Co. sind Medikamente, die ein medizinisches Problem lösen, wie andere Pillen auch. Wer will, kann mit diesen „blauen“ Pillen neue Rekorde aufstellen - wenn das Herz mitmacht. Andere werfen eine Hand voll Beruhigungsmittel oder Angstblocker ein und verbringen ein paar Tage auf Wolke sieben. Medikamentenmissbrauch im engeren Sinne ist beides - mit einem bemerkenswerten Unterschied: Die Psychopharmaka werden von der Krankenkasse bezahlt. Obwohl verschreibungspflichtig und wichtig für die Lebensqualität der Patienten, werden Medikamente gegen erektile Dysfunktion nicht erstattet. Für die Krankenkasse gelten sie als „Vergnügungsmedikament“. Man könnte glauben, die katholische Kirche hat die Erstattungsrichtlinien höchstselbst erlassen.
Nicht nur der Pharma-Riese Pfizer und Kollegen haben sich in den letzten zwanzig Jahren eine goldene Nase verdient, sondern auch ganze Kohorten von Medikamentenfälschern. Wenn eine Pille rund zehn Euro kostet - etwa beim Viagra-Konkurrenten „Cialis“ - ist der ein oder andere Nutzer schon geneigt, sich vermeintlich preiswertere Wege zum sexuellen Glück zu suchen. Ein Fest für falsche Pillendreher und ihre unermüdlichen Helfe, die Spamer, irgendwo in Indien oder Nigeria. Der Fortschritt hat Viagra nicht überholt, aber die Wettbewerber haben nicht geschlafen. Während Viagra innerhalb einer Zeitspanne von vier Stunden genutzt werden will, reicht eine Pille des Konkurrenzproduktes „Cialis“ für ein Wochenende aus, der Wirkungsverlauf ist insgesamt harmonischer.
Ganz nebenbei: Viagra verhindert auch Lungenembolien in sauerstoffarmer Luft.  PATRICK WELTER  

Katze im Sack

Pillen sind auch online ein gefragtes Produkt - und daher gerade bei Kriminellen sehr beliebt

Potenzprobleme? Oder nur ein erster Verdacht? Und der Arzt verschreibt nichts? Alles kein Problem: Säckeweise Viagra, Cialis und andere Potenzmittel, natürlich alles frei Haus und alles zu Spottpreisen, das verspricht gefühlt jede dritte Mail, die inzwischen längst automatisch im „Spam“-Ordner des e-Mail-Fachs landet. Dahinter steckt dieselbe Masche wie hinter jeder „Spam“-Mail: Massenhaft ausgeschickte Werbenachrichten ködern bei geringem Aufwand dann und wann doch noch einen leichtgläubigen Kunden, der mit billigen Produkten abgespeist und ausgeschlachtet wird. Für die Betreiber der höchst illegalen Webseiten ein Reingewinn, denn meist stammen die Produkte aus der Hand von

Medikamentenfälschern, die statt dem echten Produkt einfach die wesentlich billigeren Generika verkaufen - oder direkt völlig wirkungslose Placebos.

Mehr als die Hälfte online ist gefälscht

Ein Riesengeschäft, denn mit Potenzmitteln lässt sich seit der Markteinführung 1998 richtig Reibach machen. Die gefälschten Produkte stammen oft aus Ländern wie Thailand oder Indien. Eine vom Hersteller Pfizer angefertigte Statistik zeigt: Rund 80 Prozent der online verfügbaren „Viagra“-Produkte sind gefälscht. Nicht unbedingt eine vertrauenswürdige Studie, und dennoch lässt sie tief blicken. Die Produktion läuft ungebremst, die Beschlagnahmung beim Zoll läuft ebenfalls auf Hochtouren. Und trotzdem lohnt es sich für die Gangster, die von dem Auslaufen des Patentschutzes für „Viagra“ in Europa 2013 und seit Ende 2017 in den USA neuen Schwung ins Geschäft bekamen. Denn dadurch wurde auch der Handel mit den nochmals erschwinglicheren „Nachbauten“ erleichtert - und Kunden sind dank eines unübersichtlicheren Angebotes leichter zu prellen.

Die Masche läuft letztendlich nicht anders als die Unzahl anderer Trickbetrücker-Mails, die massenweise die Postfächer fluten. Ob Lottogewinne, vermeintliche Rechnungen, unerhoffte Erben, nigerianische Prinzen oder südafrikanische Präsidenten in einer misslichen Lage - zuletzt gilt weiterhin die Maxime: Was wie ein Märchen klingt, ist auch eins. Im besten Fall landet die Mail im dafür vorgesehenen „Spam“-Postfach, regelmäßig schlüpft aber die ein oder andere Mail durch den Filter. Normalerweise preisen diese Mails nur ihre fragwürdigen Produkte an, schlimmstenfalls tragen sie aber sogar Schadsoftware Huckepack. Deshalb sollten Nutzer in jedem Fall aufpassen, worauf sie klicken, und nicht leichtfertig mit den schäbigen Werbemails umgehen.

 

Kein Allheilmittel

Wie Viagra in Luxemburg vertrieben wird

Wenn es mit der Erektion nicht mehr klappt, dann sind Potenzmittel oft die letzte Hoffnung. Seit etwa 1996 gibt es Viagra, das das erste Potenzmittel seiner Art war, in Luxemburg zu kaufen. „Mittlerweile sind rund 20 verschiedene Potenzmittel im Land erhältlich“, erklärt Olivier Moes, „Pharmazie-Inspektor“ im Gesundheitsministerium. Dabei handelt es sich auch um eine Reihe Generika, die einen von vier Wirkstoffen enthalten, die in Potenzmitteln zum Einsatz kommen. Diese unterscheiden sich zum Teil aber auch preislich. „Eine Viagra-Pille kostet rund zehn Euro. Einige Generika jedoch nur etwa zwei Euro. Dabei muss man sagen, dass der Viagra-Preis bei Einführung des Produkts noch deutlich höher lag.“ Durch die Generika sei der Preis zwangsläufig von Pfizer heruntergesetzt worden.

Verschreibungspflichtig

Moes unterstreicht, dass alle Potenzmittel verschreibungspflichtig sind. „Sie fallen unter dieselbe Kategorie, es gibt daher keine, die man einfach so in der Apotheke bekommen kann.“ Der Grund sei unter anderem, dass Viagra einige Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben kann. Da Viagra, oder vielmehr der enthaltene Wirkstoff Sildenafil, eigentlich als Medikament zur Weitung der Blutgefäße entwickelt wurde, ist die Einnahme von Viagra mit bestimmten kardiovaskulären Medikamenten potenziell gefährlich.

Wer Viagra oder andere Potenzmittel übers Internet angeboten bekommt, sollte daher besser die Finger davon lassen. Dabei gelangen immer wieder solche Mittel auf unautorisierten Wegen ins Land. „Wir arbeiten eng mit der Zollbehörde zusammen, um Potenzmittel, die illegal importiert wurden, oder auch Fälschungen aus dem Verkehr zu ziehen.“ Solche Fälle werden oft gemeldet und solche Pillen entweder zurückgeschickt oder vernichtet. Gründe, warum Personen auf Potenzmittel aus dem Internet zurückgreifen, sieht Moes neben der Verschreibungspflicht im Großherzogtum auch in dem doch hohen Preis. Schließlich sind die Pillen online zum Teile erheblich günstiger, was dann aber auch auf Fälschungen schließen lässt.

Prekäres Thema

Aber auch der Faktor Scham könnte ein Grund sein. Denn Viagra und Potenzmittel erfahren nach wie vor eine Tabuisierung. Moes hat selber 13 Jahre als Apotheker gearbeitet und dabei festgestellt, dass Potenzmittel ein etwas prekäres Thema für viele Männer sind. „Sie kommen meistens selbst und schicken nicht ihre Frauen in die Apotheke oder meinen, dass das Mittel für einen Freund sei. So oder so unterliegen wir als Apotheker einer Schweigepflicht, arbeiten professionell und behandeln somit alles vertraulich.“ Die Scham, die ein mancher beim Kauf der Potenzmittel fühlt, sei also unbegründet.

„Es ist aber auch wichtig, hervorzuheben, dass Viagra und Co. nicht immer helfen können. Potenzstörungen können verschiedene Gründe haben. Sind diese neuraler Natur, hilft Viagra in der Regel nicht. Ähnliches gilt bei psychologischen Gründen. Denn Viagra ist ein organisches Medikament und weitet die Adern und verursacht somit eine Schwellung.“ Man sollte die blaue Pille also nicht als Allheilmittel bei Potenzstörungen ansehen. Dennoch habe Viagra es vielen Männern ermöglicht, wieder ein komplettes Leben zu führen, denn Sex gehört zum Leben dazu.