Provokativ stellt der deutsche Sänger Farin Urlaub im Song „Lieber Staat“ fest: „Es gibt viel zu viel Ausland auf der Welt!“ Die Schriftsteller, deren Texte vorgestern als episodisches Theaterstück im Kasemattentheater uraufgeführt wurden, würden wohl mehrheitlich und in ähnlich spöttischer Manier hinzufügen: „Ja, und besonders hier in Luxemburg!“
Das Kollektivstück mit dem Titel „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ beschäftigt sich mit dem Thema Migration und verhandelt in acht geschlossenen und oft humoristisch grundierten Kleinstszenen verschiedene Facetten dieses Sujets wie das Grenzgängertum, die Aktualität der Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge oder den postkolonialen Alltagsrassismus.
Theaterabend in vier Sprachen
Die Szenen, die auf Deutsch, Französisch, Luxemburgisch und Englisch vorgetragen werden, verfolgen weder einen einheitlichen Plot, noch einen stringenten Stil. Auch der jeweilige Grad an Politisierung und Engagement variiert stark.
Doch selbst für Stücke wie Nathalie Ronvaux‘ „Au suivant!“, die auf Slapstick setzen und den Sachverhalt komödiantisch verzerren, gilt der Ausspruch aus Marc Limpachs Beitrag „Coconuts“: „Don’t laugh, because it’s true.“ In Guy Helmingers „Et ass nach näischt verluer“ hantieren zwei Zuschauer eines Fußballspiels ähnlich unbekümmert mit der Sprache (und der in ihr liegenden Möglichkeit zur rassistischen Stigmatisierung) wie die Amateurspieler mit dem Fußball.
Im oben erwähnten „Coconuts“ tritt eine hyperaktive amerikanische Coachin für „cultural awareness“ auf, die sich penetrant gut gelaunt in einer Tirade über die kulturellen Eigenheiten der Luxemburger ergeht, um am Ende ihres neurotischen Monologs fast zusammenzubrechen.
Claudine Muno wagt in ihrem Beitrag „Den Apparat“ als einzige eine kühne Poetisierung des Themas, indem sie einem verramschten Röhrenfernseher eine Stimme gibt und dieser dann von seiner Odyssee als immer wertloser werdender Gegenstand berichtet. Die unaufdringliche Parallelisierung mit zeittypischen Flüchtlingsschicksalen gelingt gerade wegen dieser treffenden Verbildlichung.
Das Sprechen über Migration steht im Fokus
Nicht umsonst endet das letzte Mini-Stück -„Nicht alle können weggehen“ von Sandra Sacchetti -mit dem bitteren Kommentar eines Kriegsopfers: „Lass die Geschichten. Das interessiert doch niemanden.“
Oft verhandeln die Stücke nicht nur das Thema der Migration, sondern auch das Sprechen über Migration und damit die Do’s und Dont’s, wie ein solch heikles Thema überhaupt literarisch zu handhaben ist.
Denn nichts ist anmaßender, als wenn die Lebenswege von Flüchtlingen von feinsinnigen Literaten in rhetorische Zuckerwatte verpackt werden, um sie dem Publikum schmackhaft zu machen.
Dramaturgisch erliegt keiner der Beiträge einer solch kitschigen Darstellungsweise. Mithilfe von kritischer Selbstreflexion, vorsichtigem Humor und wohldosiertem Ernst lavieren sich die Texte durch den Abend.
Über, nicht aber mit Migranten Theater machen
Die Problematik, dass vorgestern zwar über, nicht aber mit Migranten Theater gemacht wurde, soll der Qualität der Aufführung und der - vor allem sprachlich - beeindruckenden Leistung der fünf Schauspieler keinen Abbruch tun.
Und doch kann die Konzeption kritisch hinterfragt werden, insofern als gerade im Großherzogtum, das sich so oft seiner Internationalität und seines Status als Migrationsland rühmt, Migration nicht nur ein literarisches Thema, sondern eine Lebensweise ist.
Im Hinblick darauf hätte das Projekt „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ auf eine ganz andere Weise gelingen und überzeugen können - wenn die Grenzgänger und Flüchtlinge, die Wirtschaftsmigranten und Gastarbeiter nämlich nicht nur als Topos, sondern auch als Besucher, Schauspieler und Teilnehmer mitgewirkt hätten.



