CONTERN
CORDELIA CHATON

A.Berl & Cie hat in 160 Jahren einige Male die Produktpalette geändert

Die großen Metallbuchstaben, die das Wort „POSTE“ am Eingang der alten Hauptpost gegenüber dem Hauptbahnhof in Luxemburg formen, kennt jeder, genauso wie die Metallverkleidung des alten BGL-Gebäudes am Boulevard Royal, das jetzt einem Neubau weicht. Doch kaum einer weiß, dass sie von A.Berl & Cie stammen. Das Unternehmen aus Contern steht für Fertigungspräzision von Feinblechen aus Edelstahl, Aluminium und Stahl. Ob Verkleidungen und Elemente für Aufzüge, Profi-Küchen, Metallmöbel für Krankenhäuser, Einrichtung für Industrie, Lüftungsanlagen oder Briefkästen für Architekten: Alles, was es nicht von der Stange gibt, fertig das Unternehmen, das mit 160 Jahren zu den ältesten in Luxemburg gehört.

Jacques-Edouard Herz kennt nicht nur die Geschichte bestens, er ist selbst Teil von ihr, seit sein Ur-Großvater 1892 die einzige Tochter des Firmenchefs geheiratet hatte. Seit 1993 hat er nach und nach die Geschäfte von seinem Vater übernommen. „Das war am Anfang gar nicht so klar“, erinnert sich der 54-Jährige im Gespräch mit dem „Journal“. „Schließlich hatte ich noch drei Geschwister, aber die waren nicht interessiert.“ Herz lebte damals mit seiner Frau in Madrid, wo er für ein Big 4 als Wirtschaftsprüfer arbeitet. „Es ist eine Frage der Lebensentwürfe“, sagt er. Sein Vater Claude wollte nach 28 Jahren und dem Ausscheiden seines Bruders nicht allein weitermachen. Sein Sohn kannte das Unternehmen unter anderem aus Ferienjobs. Hier hatte er schon Waren ausgeliefert und davon geträumt, Metall zusammen zu schweißen. Aber in einem Familienunternehmen ist es so: Die Firma geht vor.

„Ich schätze die Autonomie, die man als Kapitän eines kleinen Schiffs hat“, meint Herz mit Blick auf seine 25 Mitarbeiter. Es sei schon toll, Teil eines Ganzen und einer Geschichte zu sein. Aber nicht immer einfach. „Meist fehlt eines: Entweder Aufträge für die Mitarbeiter oder Mitarbeiter für Aufträge.“

Viele ältere Menschen in Luxemburg kennen Berl noch als „Bettefabrik“ oder „Berlux“. Denn nach der Gründung 1858 in Paris folgte 1872 das Luxemburger Unternehmen im Pfaffenthal. Es beschäftigte schnell 120 Mitarbeiter und lieferte Metallbetten, Lattenroste, Sprungfedern und Metallmöbel für unter anderem Kliniken. „Die ersten Betten im Gefängnis Schrassig waren von uns“, lächelt Herz. Bald kamen Schulmöbel, Gartenaccessoires oder Metallstühle hinzu.

Flucht vor den Nazis

Aber es gab auch dramatische persönliche Momente im Unternehmen. Als 1882 die Produktion niederbrannte, starb Mathias Berl, der Neffe des Gründers und designierter Nachfolger, beim Anblick an einem Herzinfarkt. Der damalige Buchhalter führte dann die Geschäfte - bis zu jener Heirat von Hermann Herz und seiner Tochter.

Auch während des Zweiten Weltkriegs machte die Familie Dramatisches mit. „Meine Großeltern wollten mit meinem Vater und meinem Onkel fliehen. Er weckte den damals Sechsjährigen mitten in der Nacht. Die Nazis hatten damals schon Gräben ausgehoben, so dass sie mit dem Auto nicht mehr über die Grenze konnten“, erzählt Herz. Die Familie floh in den freien Teil Frankreichs. Als nach zwei Jahren dessen Besetzung drohte, emigrierten sie über Marseille in die USA. Kaum war sein Großvater Jacques 1945 zurück, starb er ein Jahr später mit seiner Frau bei einem Autounfall - und hinterließ zwei verwaiste Söhne, die noch nicht volljährig waren. „Mein Vater Claude war damals erst zwölf Jahre alt“, sagt Jacques-Edouard Herz leise.

Der loyale Buchhalter Jos Seckler übernahm die Direktion, bis Claude Herz selbst 1958 in das Unternehmen eintrat. Er erlebte die Zeit der ersten Computer und modernisierte viel, kaufte unter anderem eine Pulverbeschichtungsanlage und eine damals hochmoderne computergesteuerte Stanz-und Nibbelmaschine. Die Übernahme der Unternehmensleitung seines Sohnes Jacques-Edouard verlief schrittweise. Der investierte in eine nagelneue Laserschneidmaschine. „Wir können lasern, stanzen, schweißen, polieren und verkanten. Viele unserer Konkurrenten decken nur einen Teil dieser Aufgaben ab“, unterstreicht er. Seit 2014 unterstützt ihn sein jüngerer Bruder Thierry zeitweise. Dieser ist Psychologe, Psychoanalytiker und Spezialist im Bereich von Betriebsorganisation, Prognose- und Konfliktmanagement. „Dank seiner Intervention verbessert sich die Qualität des Austauschs unter Mitarbeitern und die Firmenweiterentwicklung wird gefördert“, sagt Herz beim Gang durch die Produktionshalle.

Ein Drittel seiner Kunden sitzt im Ausland, viele arbeiten für Konzerne wie EDF oder Autobahngesellschaften. Herz erzählt von treuen Mitarbeitern wie Maria Neu-Schwab, die 1956 anfing und gerade erst aufhörte - nach über 60 Jahren. Sie hat noch die Glanzzeit einiger Maschinen erlebt, die in einer Ecke der Halle ein kleines Museum bilden. Da gibt es die Lochkartenmaschine, aber auch einen Apparat zum Abrunden von Brasserietischen.

Ob seine eigenen drei Kinder mal ins Unternehmen einsteigen werden? Herz zuckt mit den Schultern. „Das werden wir sehen. Im Moment sind sie noch jung, der Älteste macht gerade Abitur und will eventuell dann nach Australien. Ich werde ihnen die Wahl lassen.“ Natürlich waren auch seine Kinder schon öfter im Unternehmen. Herz hält vor einer Fotogalerie, die die bisherigen Chefs des Unternehmens zeigen. „Hier stand mein Sohn mal mit zehn Jahren und sagte: Eines Tages hängt mein Foto da“, sagt er. Und lächelt.

A Berl & Cie.

Das Unternehmen entstand in Paris, wo der in Merzig geborene und wahrscheinlich zweisprachige Achille Berl 1858 die „Ameublements Métalliques A. Berl“ gründete, um Metallbetten anzubieten; die damals sehr in Mode waren. 1865 eröffnete er eine Produktion im ostfranzösischen Clairvaux und 1872 eine Fabrik im Pfaffenthal. Er schickte als Fabrikdirektor Jonas Mayer dorthin, gemeinsam mit seinem Neffen Mathias Berl. Die Metallbettenfabrik kam in den leer stehenden Reiter-Kasernen unter. Sie beschäftige aus dem Stand heraus 70 Mitarbeiter. Doch die Produktion brannte 1882 nieder. Mathias Berl, der herbei geeilt war, um das Ausmaß des Schadens zu sehen, verstarb noch vor Ort an einem Herzinfarkt; Mayer führte die Geschäfte bis zu seinem Tod 1914. Neue Räume für die mittlerweile 120 Mitarbeiter mussten nach dem Brand her. Berl zog gegenüber vom Hauptbahnhof in ein neues Gebäude. Das Bahnhofsviertel entwickelte sich intensiv, Paul Wurth und Heintz van Landewyck sind Nachbarn aus dieser Zeit. Mayer hatte eine einzige Tochter. Sein Buchhalter Hermann Herz heiratete diese 1892. 1902 gründet er mit seinem Schwiegervater „A. Berl & Cie“ und nahm 1918 an der Gründungsversammlung des Industrieverbandes FEDIL teil. Herz hatte zwei Töchter und einen Sohn, Jacques. Letzterer trat 1928 ins Unternehmen ein, nachdem er sein Ingenieursdiplom in München und erste Arbeitserfahrungen bei Paul Wurth erworben hatte. 1937 übernimmt er die Firma als alleiniger Eigner. Im gleichen Jahr muss das Unternehmen wegen der Stadtplanung und des Straßenbaus nach Cessingen ziehen. Während des Zweiten Weltkriegs flieht er erst nach Frankreich und dann in die USA, während die Nazis V2-Raketen in seiner Fabrik herstellen. 1945 kehrt er zurück, kommt jedoch bei einem Autounfall ums Leben. Sein Sohn Claude ist damals erst zwölf und so übernimmt ein Buchhalter die Geschäfte und leitet sie bis zu Claudes Eintritt ins Unternehmen 1958. Dieser modernisiert und stellt den Betrieb ab den 80er Jahren auf Informatik um. Sein Bruder André arbeitet von 1965 bis 1983 im Unternehmen mit. Dann kommt Claudes Sohn Jacques-Edouard, der in Lüttich an der HEC studiert hat und vier Jahre bei einem Big 4 als Auditor in Madrid gearbeitet hat. 1993 kehrt er zurück und tritt der Direktion bei. 2002 zieht das Unternehmen an seinen sechsten Standort von Cessingen ins Gewerbegebiet Contern-Weiergewann. 2010 zieht sich sein Vater zurück. Das Unternehmen beschäftigt aktuell 25 Mitarbeiter. cc