COLETTE MART

Die Osterferien bieten in diesem Jahr eine sonnige Gelegenheit für ein bisschen Besinnlichkeit, obwohl außerhalb unserer Grenzen die Welt zu einem gefährlichen und unberechenbaren Ort wurde.

Die kurze Frühlingspause im politischen Alltag unseres Landes konfrontiert uns derzeit mit unserer Geschichte. In der Hauptstadt wurde nämlich die „alte Brücke“ nach einer aufwendigen Renovierung wieder für den Stadtverkehr freigegeben, und in Esch wird die berühmte runde Eisenbahnbrücke in Neudorf zwischen zwei Standorten der Stahlindustrie aus Sicherheitsgründen abgerissen.

Die „alte Brücke“ ist ein Symbol der Stadt Luxemburg, und sollte Anfang des 20. Jahrhunderts die Oberstadt mit der damaligen Gemeinde Hollerich verbinden, wo der Bahnhof angesiedelt war. Demnach war die Adolphe-Brücke, wie sie offiziell heißt, aber selten genannt wird, Teil eines Mobilitätskonzeptes, das in der Stadt Luxemburg dazu beitrug, die Industrialisierung zu fördern, die Mobilität allgemein zu vereinfachen, und den Anschluss der Stadt Luxemburg in eine moderne Zeit zu ermöglichen.

Ein Rückblick auf die Geschichte der Mobilität in der Stadt Luxemburg offenbart demgemäß, dass sich die damaligen Stadt- und Landesväter Gedanken zur Verbindung der wirtschaftlichen Entwicklung und der Mobilität machten, und gleichzeitig ein Bauwerk mit damit verbundenen Boulevards schufen, das von bleibender Schönheit war und der Stadt Luxemburg Charme und 1994 den Status des Weltkulturerbes der UNESCO einbrachte. Die renovierte Brücke ist auch jetzt Teil eines innovativen Mobilitätskonzeptes, da auf ihr sowohl die Tram fährt als auch die sanfte Mobilität gefördert werden soll. Dies zeigt, dass Brücken Menschen über Generationen begleiten und auch Teil des Heimatgefühles und des sozialen Zusammenhaltes sind. Die Stadt Esch nimmt ihrerseits Abschied von einem städtischen Symbol, nämlich der runden Brücke, die im Stadtviertel Neudorf seit 1927 die Stahlindustriestandorte Esch/Terres Rouges und Esch/Arbed Schifflange miteinander verband.

Gleichzeitig führt der Weg in den städtischen Park „Galgebierg“ unter dieser Brücke hindurch in jenes Erholungsgebiet, das 1912 in Esch angelegt wurde, und sich im Laufe eines Jahrhunderts zu einem Geheimtipp für Familienausflüge mit Kindern aus dem ganzen Land und aus der Großregion gemausert hat.

Die runde Brücke begleitete als traditionsreiches Stadtbild mehrere Generationen von Eschern, in ihrem nächsten Umfeld sind noch einige verwunschene Weiher der Stahlindustriestandorte erhalten, und sie grenzen an den ehemaligen Schlosspark. Mit dieser Eisenbahnbrücke verschwindet demgemäß ein Stück Escher Industriegeschichte; allerdings ist das unmittelbare Umfeld der Brücke, nämlich der Serpentinenweg zum Galgenberg, seit 1912 in der gleichen Form erhalten geblieben, und wurde weit über die Grenzen von Esch bekannt und beliebt. Wie das Stadtviertel Neudorf jetzt ohne die Brücke aussehen wird, kann niemand sich im Moment wirklich vorstellen. Vielleicht sind ja die Osterferien ein Moment der Ruhe und Besinnung, des Rückblicks auf die eigene Stadtgeschichte und dem damit verbundenen Heimatgefühl.