LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Abwechslungsreiches Wochenende: Phil Minton, Criss Cross Europe und Bojan Z in concert

Er hätte Karriere machen können. Als ebenbürtiger Kollege von Queen-Sänger Freddy Mercury, als neuer Frank Sinatra, als Entertainer oder Musicalstar, seine stimmliche Originalität, seine chamäleonartige Vielseitigkeit hätte ihm alle Türen geöffnet. Stattdessen zog der unglaubliche Vokalakrobat „für den es weit und breit nichts Vergleichbares gibt“ es vor, sich dem Experimentellen, der Avant-Garde und eigenen Projekten zu widmen. Und dieser Ein- oder Hingabe ist der Extrem-Vokalist bis heute konsequent treu geblieben.

Phil Minton, den wir in den 1980er Jahren von seinen Auftritten mit der Mike Westbrook Band im Melusina kennen lernten, hat im Laufe der Jahre seinen deformierten Sound auf ein Level höchster, fast irrsinniger Intensität getrieben, wie es sogar in der modernen Konzertmusik selten zu hören ist. Am Freitag trat der „Vulkan von einem Sänger“ erstmals mit seinem Quartett im Rahmen der Konzertreihe „On The Border“ im Espace Découverte der Philharmonie auf.

Aber wie soll man diese Musik beschreiben, die sich weder melodiöser noch rhythmisch konsequenter Elemente bedient und wo die atonalen Fragmente die harmonischen Anhaltspunkte komplett ersetzen? Das experimentelle vierköpfige Kammermusikensemble vermittelte mit seinen Klangkollagen und Geräuschfetzen ein treffendes, authentisches Spiegelbild unserer hektischen, zukunftsungewissen und desorientierten Welt, wie man es typischer nicht zu inszenieren vermag.

Stimmungen intonieren

Heute singt Minton nicht mehr. Mit seiner flexiblen Stimmlage intonierte er Stimmungen, die er mal flüsternd, mal krächzend, schreiend oder wimmernd, immer voller Emotion vom dunklen Bass bis zum Obertonklangraum in die abstrakte Klangkulisse seiner Mitbestreiter einbaut. Nicht minder präsent war der Tenor- und Sopransaxofonist John Butcher, der sich Mintons Stimmbänder-Zerreißprobe ebenbürtig gegenüberstellte. Auch der vorzügliche Pianist Veryan Weston, mit dem Minton die wunderbare Produktion „Ways Past“ mit Songs von Kurt Weill, den Carpenters und Jacqus Brel über das „Italienische Liederbuch“ von Hugo Wolff einspielte, sowie der traumwandlerisch untermalende Perkussionist Roger Turner, ohne Ausnahme Geistesverwandte in punkto „dadaistische Klangerfahrungen“, konnten das fachkundige Publikum am Freitag im „Centre Espace“ der Philharmonie überzeugen.

In Düdelingen, „opderschmelz“, war tags darauf ein Jazz-event mit gleich zwei Konzerten angesagt. Zum Auftakt trat die Gruppe Criss Cross Europe auf, die sich aus fünf Musikern verschiedener europäischer Länder, unter ihnen der Luxemburger Pol Belardi am Vibraphon, zusammensetzt. Hier standen Eigenkompositionen der Bandmitglieder, die unter der Leitung des Protagonisten des Abends, dem serbischen Keyboarder Bojan Z, einstudiert wurden.

Gefällige Musik

Gefällige Wellnessklänge und Lounge-Ambiente mit ausschmückenden Improvisationen dominierten den angenehmen musikalischen Ablauf, bei dem besonders die belgische Kontrabassistin Anneleen Boehme durch markante Soli hervorstach. Der zweite Set mit Bojan Z’s Trio Modern Times unterstrich die Einbeziehung elektronischer Hilfsmittel als Soundergänzung auf eine originell, fesselnde Art, die es ihm erlaubte älteren Kompositionen eine neue eigenständige Identität zu entlocken. Bei dieser dem Bereich des „Underground Jazz“ zuzuordnenden Musik faszinierten wie gewohnt die Exkursionen in den Bereich der serbischen Folklore mit ihren unsymmetrischen rhythmischen Basen. Ergänzt wurde die farbige Klangzauberei des Trios durch Einlagen der Sängerin Brandy Butler, die das Ganze etwas dem Bereich des Jazz entrissen. Bereits übermorgen findet in Düdelingen eine weitere Jazzsoiree statt. Diesmal geht es „back to the roots“ mit dem Reggie Washington 4tet.