LUXEMBURG
SVEN WOHL

Ein Drehbuch braucht jeder Streifen - doch findet sich das nötige Talent in Luxemburg?

Regisseure, Schauspieler und Komponisten für Filmmusik kennt fast jeder. Doch zahlreiche andere Professionelle sind nötig, um einen Film zu drehen. Oft übersehen werden hier Drehbuchschreiber. Wir haben ein Gespräch mit Chantal Schaul geführt, die in diesem Bereich aktiv ist und ihr Wissen auch an ihre Studenten weitergibt.

Von wem geht der Impuls für ein Drehbuch aus?

Chantal Schaul Es hängt davon ab, ob man es als spekulative Aktivität macht oder nicht. Wenn es spekulativ stattfindet, schreibt die Person das, was einem einfällt und hofft, dass es einem Regisseur oder Produzenten gefällt. Alternativ kann jemand auch als Drehbuchschreiber engagiert werden, wenn bereits eine Idee oder ein Konzept vorhanden ist.

Kommen die Ideen in dem Fall von den Produzenten selbst?

Schaul Das ist eher selten der Fall. Ich habe an einer Sitcom mitgearbeitet, da stand bereits die Idee für die Story, die Figuren standen fest und auch die Handlung war bereits größtenteils vordefiniert. Da stand mir ein kurzes Resümee zum Drehbuchschreiben zur Verfügung.

Wie wichtig sind Drehbuchschreiber für die luxemburgische Filmindustrie?

Schaul Wichtig sind sie auf jeden Fall, denn ohne Story produziert niemand einen Film. In Luxemburg gibt es jedoch nicht viele Drehbuchschreiber. Meistens sind sie gleichzeitig auch noch die Regisseure. Sie kümmern sich also nicht nur um das Schreiben sondern auch um die Umsetzung.

Wie stark involviert sind die Drehbuchschreiber in die Umsetzung ihres Drehbuches, wenn sie nicht gerade selbst der Regisseur sind?

Schaul Das hängt vom Projekt ab. Bei der Sitcom wurde ich schon noch nach Abgabe des Drehbuchs an der Umsetzung beteiligt. Bei einer ersten Probe ist der Drehbuchschreiber üblicherweise anwesend. Auch um zu sehen, welche Aspekte noch verändert werden müssen, weil sie nicht umsetzbar sind. Es kann durchaus sein, dass die Schreiber am Tag vor dem Dreh noch eine Änderung schreiben müssen. Das ist allerdings eher selten. Doch vor einer Änderung wird noch einmal gefragt. Wie viel Einfluss die Schreiber haben, hängt auch davon ab, wie Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber bei einem Projekt zusammenarbeiten.

Wie kann man sich den Arbeitsprozess vorstellen?

Schaul Im Vergleich zum Schreiben eines Romans kommt es beim Drehbuchschreiben eher auf Teamwork an - vor allem dann, wenn der Schreiber bereits mit einem Produzenten zusammenarbeitet oder einen Co-Writer hat. Auch werden schon mal Scriptdoctors mit eingebunden, vor allem nach dem ersten Draft. Einfach eine erste Version schreiben und die dann abgegeben gibt es in dieser Hinsicht selten: Am Anfang kommt stets ein erstes Treatment, da der Produzent nicht die Zeit hat, dutzende von Drehbüchern komplett zu lesen. Danach erst kommt ein erstes Draft, worauf mehrere Versionen folgen. Es kann eine ganze Weile dauern, bis die finale Fassung steht, die am Ende umgesetzt wird.
Worauf sollte Interessierte beim Inhalt achten?

Schaul Wer möchte, dass ein Drehbuch verfilmt wird, sollte sich überlegen, was eine Umsetzung kosten würde. In Luxemburg bedeutet das auch, dass aufgepasst werden muss, ob der „Film Fund Luxembourg“, die wesentliche finanzielle Instanz, diese Umsetzung unterstützt. Man muss also wissen, was ihnen gefällt und was sie suchen. Das sollte schon etwas mit luxemburgischen Charakter sein oder etwas, was wertvoll für unsere Kultur ist. Der Drehbuchschreiber kann nicht ein beliebiges Thema aus der Luft greifen. Am Ende soll es dann natürlich auch dem Publikum gefallen.

Die Location spielt auch eine Rolle. Etwas, das den Titel „The Beach“ trägt, könnte man hier nicht drehen. Mit unseren Budgets ist es auch schwer möglich, Science-Fiction- oder Fantasy-Filme zu drehen.

Lässt sich Drehbuchschreiben erlernen?

Schaul Ja, wie jedes andere Schreiben auch. Jeder kann sich das nötige Handwerkszeug so aneignen, egal ob es um die Formatierung oder den Aufbau einer Storyline, einer Actionline oder der Figuren geht. Ich denke aber, dass man auch daran interessiert sein und eine kreative Natur an den Tag legen muss. Ein gewisses Durchhaltevermögen kann auch nicht schaden.

Sie bringen das Drehbuchschreiben im klassischen Lyzeum in Diekirch auch den Studenten bei. Wie sieht so ein Kurs aus?

Schaul Das sind eher Workshops, also kein klassischer Unterricht, bei dem ich drei Stunden lang bei einer Tafel stehe und auf die Studenten einrede. Sie erhalten einen gewissen Teil Theorie und dann erfolgt von ihnen viel praktische Arbeit. Teamwork und Gruppenarbeiten sind hier wichtig und sie sollen eben selbst schreiben, experimentieren und Fehler machen. Dann wird in der Gruppe diskutiert und verglichen. Wir sehen uns auch Auszüge aus umgesetzten Drehbüchern an, um zu verstehen, wie man so etwas schreiben kann. Am Ende steht dann ein Drehbuch für einen Kurzfilm bereit.

Wie groß ist das Interesse der Studenten?

Schaul Die meisten meiner Studenten haben noch nie „Creative Writing“ gemacht. Sie erhalten hier eine neue Freiheit, darüber schreiben zu dürfen, worüber sie wollen. Da können sie schon etwas verloren wirken, aber nach einiger Zeit klappt das ganz gut. Schlechte Erfahrungen hatte ich dabei noch nie. Die Studenten empfanden das auch oft als eine erfrischende Abwechslung von den anderen Fächern und Kursen.

Wie sieht das perfekte Drehbuch aus?

Schaul Die Figuren müssen rund sein, die Geschichte muss interessant sein und man muss auf universelle Geschichten zurückgreifen. Damit jeder, egal wo er lebt und egal wie alt er ist, etwas mit der Geschichte anfangen kann. Es sollten auch Elemente vorhanden sein, die eine Verbindung mit den Problemen von heute schaffen. Es soll aber auch etwas zu finden sein, das so noch nicht erzählt wurde. Es ist natürlich sehr schwierig, all diese Kriterien zu erfüllen. Das perfekte Drehbuch bleibt immer nur eine Anleitung, um den perfekten Film zu drehen. Und da passiert noch ganz viel dazwischen.