KEHLEN
PATRICK WELTER

Pilotprojekt in Kehlen: Schafwolle als Dämmung in einem öffentlichen Gebäude

Was tun, wenn einer der ältesten nachwachsenden Rohstoffe nichts mehr wert ist? Verzweifeln oder neue Wege gehen? Im konkreten Fall geht es um Schafwolle, um Wolle, die nicht von Merinoschafen stammt, denn nur letztere wird von der Textilindustrie angekauft und verarbeitet. Die Wolle unserer heimischen Schafe ist im Vergleich rau und kratzig und damit „aus der Mode“. Keine guten Zeiten für heimische Schafzüchter, gäbe es da nicht eine alternative Verwendung der Wolle…

In der gerade im Bau befindlichen neuen Betreuungseinrichtung (Maison relais) für die Vorschulkinder aus Kehlen kann man erkennen, wie der neue Weg für die kratzige Wolle aussieht - sie wird zu Dämmmaterial; zu einem Dämmmaterial mit hervorragenden Eigenschaften.

Lucien Koch, Schöffe der Gemeinde Kehlen und selbst Schafszüchter, schilderte gestern Morgen auf der Baustelle der „Maison relais“ den Weg den die luxemburgischen Schafzüchter beschritten haben. In den letzten zwanzig Jahren sei der Preis für heimische Wolle auf „fast nix“ gefallen, die europäische Wolle sei zu hart für die Modeindustrie. Nicht einmal die Kosten für die Schafschur seien gedeckt worden, andererseits produziere jedes Schaf drei bis vier Kilo Wolle.

Irgendwann sei die Idee entstanden, Schafswolle als Dämmmaterial beim Bauen einzusetzen. Die Vorteile seien vielfältig, die Wolle sei ein heimischer Rohstoff, verfüge über gute Dämmeigenschaften und brenne erst bei sehr hohen Temperaturen (ca. 600 Grad). Außerdem kann Schafswolle bis zu 30 Prozent Feuchtigkeit aufnehmen, ohne seine Isolationsfähigkeit zu verlieren. Hinzu kommt eine gute Raumluft, da die Wolle Luftschadstoffe bindet. Außerdem kann der nachwachsende Dämmstoff nach dem Abriss des Gebäudes als Düngemittel verwendet werden.

Luxemburgisch-österreichische Koproduktion

Hinter dem Projekt Schafswolle als Dämmstoff steckt eine Dreierallianz: Der luxemburgische Schafzüchterverband, der österreichische Verarbeiter Isolena und das Bauunternehmen Goca aus Essingen, das sich auf ökologisches Bauen spezialisiert hat. Die luxemburgischen Schafzüchter haben in den letzten drei Jahren 15 Tonnen Schafwolle zusammengetragen. Da es in der Umgebung und der Großregion an Verarbeitungsmöglichkeiten fehlt, hat man das österreichische Unternehmen als Partner zur Herstellung der Dämmstoffe gewonnen. Das Einsatzgebiet der Wolle reicht von wenigen Millimetern Stärke für eine Trittschalldämmung bis zu 30 Zentimeter starken Isolationsmatten. In Luxemburg kümmert sich dann ein heimischer Betrieb (Goca) um den Einbau. Die „Maison relais“ in Kehlen ist das erste öffentliche Gebäude, in dem die Wolle zum Einsatz kommt. Georges Origer, der Inhaber des Unternehmens Goca, das nur nach ökologischen Maßstäben baut, erklärte, dass der Dämmstoff schon in vier Privathäusern in Insenborn verbaut wurde. Er sei mit der Gemeinde Mersch und dem Umweltsyndikat SICONA im Gespräch für weitere Bauvorhaben.

Auch die Schafzüchter haben etwas davon. Erhielten sie bisher für ihre grobe Wolle 30 bis 40 Cent pro Kilo, so sind es bei Verarbeitung zu Dämmstoff immerhin 80 Cent, die die Züchter für ihre Wolle erzielen. Der Endverbraucherpreis für eine 30 Zentimeter starke Dämmung liegt bei etwa 35 Euro pro Quadratmeter.

Die „Maison relais“ für die Vorschulkinder von Kehlen, die bisher per Bus zum Essen transportiert werden müssen, soll spätestens zu den nächsten Sommerferien fertig gestellt sein, teilte Bürgermeister Félix Eischen mit. Er sei stolz darauf, dass Kehlen als erste Gemeinde diesen Weg der Innovation geht und Schafwolle als Dämmstoff verwendet.

www.isolena.at

www.goca.lu