LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Anna Krieps hält Gefühlswelten fotografisch fest

Wenn Anna Krieps (32) aus Luxemburg auf den Auslöser ihrer Kamera drückt, stehen Gefühle und Reflexionen des alltäglichen Lebens im szenischen Vordergrund. Hierzu trifft sie sich mit Menschen, die vorwiegend eins gemeinsam haben: Sie glauben noch an ihren eigenen Traum. Die junge Luxemburgerin hat uns Einblicke in ihre Gedankenwelt und die Gestaltung ihrer Arbeit als selbstständige Fotografin gewährt.

Wann wird das Foto zum Kunstobjekt?

ANNA KRIEPS Ich sehe das Foto als Kunstobjekt, wenn es eine tiefergehende Aussage enthält und nicht das bloße Festhalten eines flüchtigen Moments. Der Fotograf Roland Barth sagte einmal: „Es gibt Fotos, die sind tot und es gibt Fotos, die sind lebendig.“ Wenn man versucht Fotos lebendiger zu gestalten, heißt das für mich, Überlegungen und Konzepte im Hintergrund aufleben zu lassen. Das Konzept kann aber auch erst im Nachhinein entstehen, der Bezug zum Bild ist ausschlaggebend.

Was ist das Hauptthema Ihrer Fotokunst?

KRIEPS Im Fokus steht bei mir der unschuldige Mensch, dem es in dieser Welt schwerfällt Fuß zu fassen. Derjenige, der nur noch funktionieren muss und sich als naiver Charakter und verträumte Person nicht im konventionellen Teil der Gesellschaft wiederfindet. Die Fotos von meiner Schwester Vicky zeigen, wie der sensible Mensch, der einen intimeren Austausch mit sich selbst und seiner Umwelt pflegt, in der Schnelllebigkeit des Systems ins Stocken gerät. Das Konzept der Isolation ist mit dieser Auffassung eng verflochten. Jedem geht es heutzutage darum, einzigartig und besonders zu sein, in Wirklichkeit leben wir dann doch sehr isoliert und deswegen auch einsam. Als ich einmal mit einem Astronauten zusammenarbeitete, meinte er, dass er, als er das erste Mal aus dem All auf unsere Erde blickte, sich die Frage stellte, wo eigentlich unser Zuhause ist. Ich denke, dass wir uns dessen gar nicht mehr so bewusst sind; dass unser Glück in einem Zusammenhalt zwischen und einer Beziehung zu Menschen besteht.

Das bedeutet?

Krieps Unsere Familie und unser Umfeld können uns sehr viel zurückgeben, wenn auch wir ihnen Liebe geben. Heutzutage rutscht das oft in den Hintergrund. Wichtig ist nur noch, dass man reich wird oder sich in einem gut angesehenen Job verwirklicht. Damit geht allerdings eine sehr starke und doch undefinierbare Einsamkeit einher. Die Verbindung zum Eigentlichen geht verloren. Ich habe mittlerweile viele Menschen kennengelernt, die sich mit diesem Phänomen befasst haben und dadurch auch den Wert des positiven Miteinanders wiedererkannt haben. Der Astronaut zum Beispiel hat mir stets geholfen, alles zu organisieren und ist mir ständig entgegengekommen, seine bewusst gelebte Gutheit und respektvolle Art dem Anderen gegenüber hat mich wirklich beeindruckt. Würden die Menschen sich nicht so verloren fühlen, ließen sich bestimmt viele gesellschaftlichen Probleme umgehen. Wer hört schon noch auf den wirklichen Traum, der tief in einem drin lebt?

Wann wurde dieses Thema zentral?

KRIEPS Während Arbeiten an diversen Reportagen habe ich viele Menschen getroffen, die auf ihre gewisse Weise besonders waren und einen eigenen Traum mit sich trugen. Da gibt es zum Beispiel eine Frau, die seit ihrer Jugend bis ins hohe Alter an Weltraumflügen interessiert ist und auch daran teilhaben will. Diese Menschen haben mir dadurch, dass ich sie fotografieren durfte, einen intimeren Zugang zu sich gewährt. Mit meiner Schwester kann ich dies hingegen reflektiert inszeniert darstellen. Bei der Arbeit mit ihr spüre ich das sehr deutlich, dass wir bei der Umsetzung das gleiche Gefühl darstellen wollen: dass es noch Menschen gibt, die an ihren Träumen festhalten. Mit Vicky kann dies als Fiktion illustrativ wirkend werden.

Welche Studien haben Sie absolviert?

KRIEPS Ich habe Fotografie in Enschede in Holland studiert. Dort habe ich meinen Bachelor an einer Fine Art-Schule absolviert. Bei meiner Bachelorarbeit ging es darum, eine Szene in einem einzigen Bild zu schaffen. Eine ganze Welt in ein einziges Bild zu fassen, so ähnlich wie beim Film. Meinen Master in „Art Direction“ habe ich mit einer Publikation zum Kosmos und der menschlichen Relation dazu in Lausanne abgeschlossen. Hierfür habe ich verschiedene fotografische Herangehensweisen miteinander verbunden, so unter anderem auch eine Serie von Bildern mit meiner Schwester, auf denen sie mit einem Astronautenhelm durch Berlin läuft. Ich war mir von Anfang an sicher, dass Fotografie meine Sprache ist. Ich habe auch ein Stipendium für meine Studien erhalten, das hat mich eigentlich darin bestätigt, dass ich mich trauen soll, diesen Weg zu gehen. Die Fotografie erlaubt es mir, mich auszudrücken, ohne mich großartig erklären zu müssen. Es ist so schön, mit etwas arbeiten und sich wirklich im Grunde damit befassen zu können und sich dann darin verstanden zu fühlen, so als ob die Umgebung dir etwas zurückgeben würde.

Können Sie von Ihrer Fotokunst leben?

KRIEPS Ich habe mich zwar selbstständig gemacht, kann aber bislang noch nicht davon leben. Der Künstlerstatus erlaubt es einem kaum, sich damit über Wasser zu halten. Das finde ich aber nicht schlimm, ich werde nicht Däumchen drehend herumsitzen. Ich bin stets auf der Suche nach weiteren Projekten. Momentan bin ich als Schulfotografin unterwegs: Ich knipse Schüler, das Kollegium und die Schule. Im Winter werde ich mich wieder mehr meinen eigenen Kunstprojekten widmen.

Welches sind anstehende Projekte?

KRIEPS Ich arbeite momentan schon ewig an einer Arbeit zu Ikonen, auch diesmal ist meine Schwester wieder mit dabei. Es geht darum, das Konzept der Ikonenbilder aufzuarbeiten. In den Zeiten des Künstlers Monets zum Beispiel bevorzugten die Maler stets die gleichen Prostituierten, die für die Bilder Modell stehen sollten. Ich interessiere mich nun dafür, wie das Bild der Ikone sich mittlerweile gewandelt hat. In welchen Bezug lässt sich die Filmschauspielerin dazu setzen? Stellt sie noch eine Ikone dar? Bis Ende September habe ich in der Anwaltskanzlei „Arendt & Medernach“ auf Kirchberg ausgestellt, und zwar „Cosmic Dreaming“, meine Abschlussarbeit des Masterstudiums.


Mehr erfahren: www.annakrieps.com