LUXEMBURGCORDELIA CHATON

Anouk Agnes machte eine Bilderbuchkarriere und ist heute stellvertretende Generaldirektorin des Fondsverbandes ALFI

Studium in Paris, München und London, erste Station bei den Vereinten Nationen in New York und dann über Namibia und Manila in die Finanzwelt: Anouk Agnes geht ihren Weg ganz einfach: Sie fragt. Dem „Journal“ verrät sie, wie das funktioniert.

Als Anouk Agnes ihr Jura-Studium mit deutsch-französischem Abschluss 1996 beendete, wollte sie weder in Paris, noch in München, noch in Luxemburg bleiben, sondern lieber noch Politikwissenschaften studieren. „Ich habe meine Mutter beredet, mir noch ein Studium an der London School of Economics zu finanzieren“, sagt sie. „Noch heute bin ich ihr dankbar, dass sie das gemacht hat.“ Immerhin half ein Stipendium der Britischen Botschaft. Auch das erhielt Agnes durch Fragen.

Als die junge Luxemburgerin nach einem Jahr zurückkam, war sie völlig überzeugt von dem Inhalt ihres Studiums. „Damals habe ich im Außenministerium angerufen. Als Luxemburgerin kennt man ja immer jemanden, den man anrufen kann“, schmunzelt sie. Es stellte sich heraus, dass die ständige Vertretung der Vereinten Nationen in New York noch jemanden aus Luxemburg suchte. Agnes wurde genommen und fand sich keinen Monat später in New York wieder.

Erste Station New York

„Per Zufall war ich in der Kommission für Wirtschaft und Soziale Fragen, die sich mit der dritten Welt beschäftigt hat. Dort gab es damals - 1998 - viele Fragen um die Millenium-Ziele und das Thema Armut und Aids. Das fand ich sehr interessant.“

Nach zwei Jahren zurück in Luxemburg zögerte die junge Frau nicht lange. Sie ging zu LuxDevelopment. „Das ist eine luxemburgische Kooperationsagentur, die sich um das eine Prozent des Bruttoinlandsprodukts kümmert, mit dem in den Dritte-Welt-Ländern Schulen, Kliniken und mehr gebaut werden“, erzählt sie. Beim zweiten Versuch war es wie beim ersten: Es klappte auf Anhieb. „Sie suchten jemanden. Der Direktor ist dann mit mir essen gegangen und hat noch zwei Mitarbeiter dazu gerufen. Beim Dessert war klar, dass ich nach Namibia gehe“, sagt sie.

Im Norden Namibias

Als ihre Mutter hörte, Anouk Agnes werde nach Rundu gehen, fragte sie: „Wo ist das?“ Eine Woche später konnte Anouk Agens es ihr genau sagen. Da saß sie längst im Flieger nach Afrika und hatte eine Reise über 750 Kilometer Holperpisten bis in die Stadt im Nordosten des Landes hinter sich. Hier war ihr neuer Arbeitsplatz für die nächsten zwei Jahre. „Ich würde sofort wieder nach Afrika gehen, auch mit meiner kleinen Tochter“, sagt Agnes. „Das ist einfach so schön!“ Ihre blauen Augen strahlen.

„Mir war natürlich bewusst, dass wir als Expats sehr privilegiert waren. Wir haben keine Opfer gebracht und nicht gehungert.“ Die damals 26-Jährige arbeitet mit der Lokalregierung in Rundu. Es ging um Themen wie Wasser, Abfall, den Bau von Schulen, Kliniken und Straßen. „Ich habe mich damals sehr gewundert, wie teuer ein Kilometer Straße ist“, erinnert sie sich, immer erfrischend ehrlich. Heute läuft die Zusammenarbeit von Luxemburg und Namibia anders. Der Namibia-Aufenthalt endete für Agnes mit einem Unfall. „Mein Reifen platzte und ich hatte mehrere Brüche. Da bin ich dann zurück gereist.“

In Luxemburg wartete schon die nächste Herausforderung. „Unser Land war gerade erst Mitglied bei der Asian Development Bank in Manila geworden. Darum hatten wir Anspruch auf einen Repräsentanten. Ich habe mich gleich gemeldet, weil die Banken mich interessiert haben. Die hatten ganz andere Mittel als die Entwicklungshilfe“, fand Agnes schon damals. So kam sie für ein Jahr in das boomende Manila. „Aber Asien ist nicht so entspannt wie Afrika. Das südliche Afrika ist das Schönste auf der Welt. So groß, so weit, so ein wunderbarer Sonnenaufgang“, schwärmt die weitgereiste Managerin.

Der Manila-Effekt

Manila hatte einen anderen Effekt. Durch die Berichte an das heimische Ministerium und das Debriefing war Agnes im Kontakt mit dem Finanzministerium. „Die fragen mich, ob ich nicht zu ihnen kommen will. Das war ein Glück.“ Sieben Jahre blieb sie im Finanzministerium, kümmerte sich um Banken und um das Marketing für den Finanzplatz. Sie war dabei, als Luxembourg for Finance gegründet wurde, die Mikrofinanz sich entwickelte und Sukuks aufkamen.

„Ich kannte das nicht und war fasziniert. Dass wir es als kleines Land fertig gebracht haben, so eine Erfolgsgeschichte zu schreiben, finde ich gut. Aber ich als Luxemburgerin wusste vorher gar nichts davon. In der Schule hat nie jemand vom Finanzplatz gesprochen.“

Beim Fondsverband ALFI setzt sich Agnes nach Kräften dafür ein, dass der Finanzplatz bekannter wird. „Vor zwei Jahren haben wir zum 25-jährigen ALFI-Jubiläum einen Spot im Kino gemacht mit fünf wichtigen Informationen. Dass wir die Nummer eins in Europa sind. Dass wir 14.000 Leute allein im Fondsbereich beschäftigen.“ Meist ist sie in Schwarz-Weiß gekleidet, immer mit kurzem Haar und voller Tatendrang. „Sie ist sehr effizient, auf den Punkt und trifft rasch Entscheidungen. Und sie ist sehr nett“, meint eine Mitarbeiterin.

Zur ALFI kam sie durch die Kontakte zwischen dem Fondsverband und der Regierung. „Das ist hier extrem dynamisch“, ist Agnes überzeugt. „Ich bin seit drei Jahren hier und hatte noch keine Zeit, mich zu langweilen.“ Auf dem Programm stehen neue Märkte wie Kolumbien und Peru, aber auch die Regeln für die Fondsindustrie, die in Brüssel gemacht werden.

Viel Zeit bleibt da nicht für den Mann und die Tochter. „Ich arbeite nicht wie viele zehn Stunden, weil ich meine Zweijährige auch sehen will. Aber ich habe auch einen Mann, der flexibel ist“, sagt die stellvertretende Generaldirektorin. Sie findet: „Es ist nicht einfach, Karriere und Kind gleichzeitig zu haben. Ich weiß auch nicht, wie es wäre, wenn ich weniger arbeiten würde.“

Zeit für das Golfspiel bleibt da kaum. Aber Reisen gehen immer. Im Februar war Anouk Agens in Südafrika. „Und die belgische Küste finde ich aber auch bei jedem Wetter gut.“ Hin und wieder geht sie ins Grande Théâtre. Dafür bleibt noch weniger Zeit, seit Agnes auch noch im „Conseil National des Finances Publiques“ sitzt. „Solche nationale Gremien zur Haushaltsüberwachung wurden nach der Krise von 2008 von der EU verlangt“, sagt sie. „Da muss ich mich in vieles einlesen. Aber es ist superinteressant.“ Politik sei ohnehin auch ein Hobby von ihr. Sie ist nicht politisch aktiv, kann sich das aber vorstellen. „Wir haben so viel zu bewahren und noch so viel zu entwickeln.“ Mittlerweile muss Anouk Agnes nicht mehr fragen. Sie wird gefragt.