BERLIN
CAROLINE BOCK (DPA)

Wie es 30 Jahre nach dem Mauerfall um Deutschland steht

Wer mit dem Fahrrad durch Berlin fährt, spürt an einem kleinen Holpern, dass die heutige gesamtdeutsche Hauptstadt 28 Jahre lang von einer Mauer geteilt war. Eine Schwelle mit Pflastersteinen zeichnet die Grenze zwischen Ost und West nach. Ein Blick auf die Straße, dann der Gedanke an einen berühmten Satz von Deutschlands Alt-Kanzler Willy Brandt von vor 30 Jahren: Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin, als Tausende über die Grenzübergänge strömten, erst dort, dann schnell entlang der gesamten Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR. Knapp ein Jahr später galt die Wiedervereinigung als vollendet. Der 3. Oktober wurde Nationalfeiertag für die Deutsche Einheit.

Die „Mauer in den Köpfen“

Im offiziell geeinten Land war anschließend viel von der fortbestehenden „Mauer in den Köpfen“ die Rede. Die 90er Jahre waren die Zeit der Klischees: vom „Jammerossi“, der Opfer der „Besserwessis“ wurde, der sich die „neuen Länder“ einverleibe, also die fünf Bundesländer auf dem Gebiet der früheren DDR. Seit deren Ende ist im Osten alles anders, im Westen wenig. Wer heute nach Köln oder Mainz fährt, könnte denken: Das ist die alte Bundesrepublik, aber mit Latte Macchiato. Der deutsche Ex-Innenminister Thomas de Maizière brachte es in einer ZDF-Doku so auf den Punkt: „Für die Ostdeutschen hat sich mit der Wende alles geändert, für die Westdeutschen nur die Postleitzahl.“

Fast alle Ostdeutschen (95 Prozent) waren laut einer Umfrage schon im Westen. Für nicht wenige Westdeutsche ist der deutsch-deutsche Tourismus aber eine Einbahnstraße, jeder Fünfte war noch nie im Osten. Wobei man das einschränken sollte: Die DDR war viel kleiner als die BRD, im ganzen Osten leben etwa so viele Menschen wie im westdeutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Zu den Klischees: Ein Drittel der Wessis sagt, dass Ostdeutsche immer jammern. Das sagt allerdings auch ein Viertel der Ostdeutschen über sich selbst.

Gerade in jüngster Zeit heißt es oft, die Gräben zwischen Ost und West würden wieder tiefer. Die Erfolge der rechtspopulistischen Partei AfD auf Ostseite werden damit erklärt, dass die Partei den Abgehängten und der nach der „Wende“ - der politischen Umbruchzeit von 1989/90 - gedemütigten DDR-Seele eine Stimme gibt. Für die Westseite gibt es für AfD-Erfolge keine spezielle Lesart.

Retrospektiver Schreck

Wie sieht es heute mit den Befindlichkeiten aus? Nachgefragt bei zwei Autoren aus West und Ost: Die Schriftstellerin Tanja Dückers (50) kann sich gut an das Lebensgefühl in West-Berlin erinnern, als die Stadt noch eine schwer zugängliche Insel umgeben vom Osten war. „Ich habe 21 Jahre hinter dieser Mauer gewohnt. Erst nachdem die Mauer gefallen ist, habe ich richtig begriffen, wie absurd das war“, erzählt sie. „Für mich gab es so einen retrospektiven Schreck, und den habe ich tatsächlich vor der Wende nicht gehabt, weil ich nichts anderes kannte. In den 90ern habe ich dann oft gedacht: Bin ich da wirklich aufgewachsen?“

Sie weiß, wie unterschiedlich sich Ost und West wahrnehmen. Klar werde sie noch als Wessi angeguckt: „Das ist nicht unbedingt negativ, sondern eher ein Distanzmoment“, sagt Dückers. „Du bist aus dem Westen“, das bedeute eigentlich erst mal nur: „Du bist anders.“

Für ein Missverständnis auf Ostseite hält sie, dass es den Westlern immer gut gegangen sei und sie immer Geld gehabt hätten. „Es ist eine Überschätzung der Situation des Westens. Vom Westen her betrachtet hat man es individualbiografisch unterschätzt: Nicht jeder, der bei der SED war, war ein Monster.“ Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) hatte die Macht im DDR-Staat inne, Parteimitglieder waren „Teil des Systems“.

Dückers lebt heute im Prenzlauer Berg, also im Osten Berlins. Sie hat Verständnis für die Schicksale nach dem Ende der DDR, das für viele nicht nur Chancen und Freiheit, sondern auch den Verlust von Arbeitsplätzen und Gewissheiten brachte. „Ich stelle mir zum einen vor, wie man das umgekehrt erlebt hätte. Zum anderen ist es psychologisch so, dass man immer die frühere Zeit verklärt, vor allem die Kindheit und das Aufwachsen in der Zeit, in der man gesund und munter war.“

Was Ostdeutsche über das dörfliche Miteinander von früher erzählen, kennt Dückers aus BRD-Zeiten selbst. Ihr Buch „Mein altes West-Berlin“ kam im Osten gut an, weil viele merkten: Die Westhälfte, das war nicht nur Jeans, KaDeWe und Autos von Mercedes. Sie hörte von ostdeutschen Lesern: „Wir hatten uns das alles glänzender und schöner vorgestellt. Aber wie du das beschreibst, mit den Kohleöfen, der Armut, den Ratten, Tauben, dem Dreck und den komischen Leuten - das war wie bei uns.“ Dückers fühlt sich Ost-Berlin näher als Bayern oder Köln. „Westdeutschland ist nicht mein Land.“

Was die Erfolge der AfD angeht: „Irgendwie stört mich die Haltung, zu glauben, das Böse sitzt nur im Osten von Deutschland.“ Sie verweist dabei auf die hohen Zustimmungswerte für die AfD etwa in Bayern und die Neonazi-Szene im nordrhein-westfälischen Dortmund. Dass sich Gräben zwischen Ost und West vertiefen, findet sie etwas populistisch als Aussage. „Ich bin anderer Meinung. Ich sehe, dass sehr viele Ehen zwischen Ost und West geschlossen werden und sich viele Kinder überhaupt nicht mehr darüber definieren, wo die Eltern herstammen. Ich glaube aber, dass man die Zeit unterschätzt hat, die dieses Zusammenwachsen braucht.“ Ihrer Meinung nach spielt eine andere Kluft in Deutschland eine größere Rolle: die zwischen Stadt und Land. „Man sollte eigentlich mehr unterscheiden zwischen strukturstarken und strukturschwachen Regionen.“

„Ost und West sind ja in sich nicht homogen“

Der in Dresden geborene Schriftsteller Ingo Schulze (56, „Adam und Evelyn“, „Simple Storys“) hat in vielen Büchern Ost-West-Geschichten erzählt. „Nach meiner Erfahrung konnte man Ende der 90er Jahre gelassener über den Osten sprechen als heute“, sagt er. „Dann kam eine Politik, für die Hartz IV zum Synonym geworden ist und die tatsächlich Armut säte, darauf folgte die Finanzkrise von 2008.“ Die habe das jetzige System in Frage gestellt.

Die allergrößten Meinungsverschiedenheiten hat Schulze auch mit anderen Ostlern. „Ost und West sind ja in sich nicht homogen. Und natürlich kann und muss man zur Erklärung von Unterschieden bis in die Zeit der Reformation und der Bauernkriege zurückgehen oder noch weiter. Nichts ist vergangen. Das vorausgeschickt würde ich sagen: Die Mehrheit im Osten war 1990 auf eine schon fast kindliche Art und Weise bereit, alles vom Westen zu übernehmen, vom Westen zu lernen, es genau so gut zu machen.“

Er sei überzeugt, dass die Erfahrungen von Beginn der 90er Jahre keinesfalls weniger prägend gewesen seien als die Erfahrungen in der DDR. Diese hätten ja auch die Erfahrung gebracht, ein System friedlich ändern zu können. Natürlich werde die Herkunft immer eine Rolle spielen, findet Schulze. Es komme halt auf den Kontext an. „Die Frage ist, wie damit umgegangen wird. Und ob immer nur die eine Seite infrage gestellt wird.“

Soziales Gefälle

30 Jahre nach dem Mauerfall haben sich Ost- und Westdeutschland in vielem angenähert - auch bei Einkommen, Arbeitslosigkeit oder Armutsrisiko. Trotzdem sind im sozialen Bereich die Unterschiede nach wie vor deutlich.

Einkommen
Ein ostdeutscher Vollzeitbeschäftigter kam im vergangenen Jahr laut Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit im Schnitt auf 84 Prozent des monatlichen Bruttoverdienstes eines Westdeutschen - auf rund 2.790 Euro. Die Lohnlücke sank damit von 19 auf 16 Prozent. Eine der Ursachen für die weiter bestehende Lohnkluft: Die geringere Tarifbindung der Betriebe in den neuen Ländern. In Betrieben mit Branchentarifvertrag arbeiteten 49 Prozent der westdeutschen, aber nur 35 Prozent der ostdeutschen Beschäftigten. Innerhalb Ostdeutschlands wurden die Unterschiede beim Entgelt allerdings seit der Jahrtausendwende deutlich kleiner - innerhalb Westdeutschlands wuchsen sie dagegen stark.

Arbeitslosigkeit
Die durchschnittliche Arbeitslosenquote betrug im vergangenen Jahr 4,8 Prozent im Westen - im Osten waren es 6,9 Prozent. 2005 waren es aber noch 9,9 Prozent im Westen und 18,7 Prozent im Osten. Ein Grund für die Angleichung ist laut Experten neben der allgemeinen Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt auch die Abwanderung aus Ostdeutschland und das Altern der Gesellschaft vor allem im Osten.

Armutsquote
Auch hier gibt es laut Statistischem Bundesamt weiter eine Kluft zwischen Ost und West - wobei sich der Unterschied aber auch hier stark verringert hat. In den neuen Ländern waren im vergangenen Jahr 17,5 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht, in den alten Ländern 15 Prozent. 2005 waren es im Osten noch 20,4 und im Westen 13,2 Prozent. Die Schwelle der Armutsgefährdung lag 2018 bei 1.035 Euro im Monat für einen Einpersonenhaushalt - wer darunter liegt, gilt als gefährdet.

Rente
Der Rentenwert, der angibt, wie viel ein Entgeltpunkt in der Rentenversicherung wert ist, liegt im Osten dagegen noch bei 96,5 Prozent des West-Werts. Bis zum Jahr 2024 sollen die Werte aber angeglichen werden, auch die Höherwertung der Ostlöhne fällt dann weg.