DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

Modern Jazz beim Festival „Touch Of Noir“ in Düdelingen

Düdelingen ist immer eine Reise wert. Im Rahmen des momentan ablaufenden Festivals „Touch of Noir“ sogar mehrere, die sich aufgrund der Diversität des angekündigten Programms mit Sicherheit lohnen. Neben Lesungen, Filmmusik und Rockkonzerten konnten wir binnen drei Tagen zwei außergewöhnliche Jazzabende erleben, die sich durch hoch geschraubtes Niveau auszeichneten und multikulturelle, kompromisslose Vielfalt ergänzten. Völlig aus dem Rahmen der modischen Hörgewohnheiten gesprengt war die originell verpackte Neubearbeitung der Oper „Oedipe Redux“ des rumänischen Komponisten Georg Enesco, die 1936 in Paris uraufgeführt wurde.

Das selten aufgeführte Werk basiert auf der Vorlage der antiken griechischen Sage und wurde von den zwei Protagonisten des Ensembles, dem Pianisten Lucian Ban und dem Bratschisten Mat Maneri in einer originellen Mischung aus kammermusikalischen Miniaturen, dem Free Jazz nahen Einlagen und einer angemessenen Portion Improvisationen der Solisten radikal und unkonventionell arrangiert und dies in einer äußerst originellen instrumentalen Konstellation, nämlich mit Trompete, Bratsche und Bassklarinette. Natürlich spielten die Gesangsparts der beiden für diesen Zweck wie geschaffenen Vokalisten Jen Shyu und Theo Beckmannn, die zudem noch in verschiedene Rollen schlüpften, die wichtigste Rolle in dem auf Jazzoper getrimmten Schauspiel. Andere hervorzuhebende Bestandteile des zeitgenössisch konzipierten Singspiels waren die bestechend ausdrucksstark angepassten Soloeinlagen der ausgesuchten Solisten.

Begeisternde Soloeinlagen

Allen voran war es der französische Bassklarinettist Louis Sclavis, den wir von diversen Auftritten in unterschiedlichsten Besetzungen mit mannigfaltigen Stilrichtungen in Luxemburg kennen, der bei der auf intellektuelle Wahrnehmungen basierten Inszenierung der Produktion, die doch manchmal langatmigen Momente durch seine vitalen und transparenten Impulse in seiner Dialektik zwischen Individuum und Kollektiv belebte. Dass innerhalb von wenigen Tagen zwei führende, virtuose Vertreter dieses eher raren Instruments auf unseren Bühnen standen, war ein glücklicher Zufall, war doch Anfang des Monats der Multiinstrumentalist Michel Portal Gast bei einem viel beachteten, erfolgreichen Rezital des Pianisten Francesco Tristano in der Philharmonie.

Auch Trompeter Ralph Alessi, ein Spezialist des avant gardistischen Jazz sorgte mit effektvollem Spiel und vertraut klingenden Soloeinlagen für die nötige Kurzweil in den durcharrangierten Partien des Ensembles während Pianist Lucian Ban seine Verbundenheit zu einer gut dosierten Mixtur aus freier Improvisation und zeitgenössischer E-Musik intensiv demonstrierte.

Hochmusikalische Diskurse

In den Genuss einer ganz anderen Variante des aktuellen Jazz kamen wir am Donnerstag mit dem Trio „The Bandwagon“ des US-amerikanischen Pianisten Jason Moran. Schon die Solointroduktion des Bandleaders lohnte den Besuch des Konzertes, das anschließend in einem längeren Stück gleich ein Resümee der gesamten Palette des enormen Könnens der drei Solisten widerspiegelte. Ein Hochgenuss war die exzellente Interpretation des Klassikers „Body And Soul“, der inzwischen zu einem anerkannten Aushängeschild des Pianisten geworden ist und in punkto Intensität dem faszinierenden Ambiente der „Standards“ des Keith Jarrett Trios in nichts nachsteht.

Dass Moran sämtliche Spitzfindigkeiten der breitgefächerten Stilistik des Jazzpianos beherrscht, bewies er mit der Bearbeitung einer Komposition seines Lehrmeisters Jacky Byard, die nach perfektem Stride Pianosolo in einem farbenprächtigen Feuerwerk von Formgestaltung endete. Die gezielt publikumswirksamen Soloeinlagen des Bassisten Tarus Mateen, die ebenso leichtfüßig wie schwergewichtig die hochmusikalischen Diskurse zwischen den drei Ausnahmemusikern umrahmten, bildeten einen wichtigen Bestandteil der beeindruckenden Architektur der Band. Fast unglaublich wie er mit dem Sound seiner E-Kontrabassgitarre, einer Spezialkonstruktion aus Spanien, an den Originalklang der Bassgeige herankommt. Glanzstück der memorablen Performance war zweifellos die permanente Demonstration stilistischer Finessen aus der Trickkiste der großen Schlagzeugschulen, die von Nasheet Waits, mit dem Bewusstsein Klischees zu vermeiden, von der Integration der dynamischen Schattierungen seines Mentors Max Roach bis zu den Errungenschaften der melodiösen Erfindungsgabe der zeitgenössischen Perkussionspurismus, fesselnd in Szene gesetzt wurde.

Selten hat man ein so souverän aufeinander eingespieltes Team erlebt, das Homogenität, Feeling und Gleichberechtigung so überzeugend präsentiert und trotz seines 20jährigen Bestehens in gleicher Besetzung ein Exempel an spontaner Spielfreude statuiert. Die sichtbar extra gut gelaunten Musiker bedankten sich mit einer swingenden Zugabe, nachdem Jason Moran herzliche Dankesworte und seine Komplimente an die hiesige Küche gerichtet hatte, die vor dem Konzert für sein leibliches Wohl gesorgt hatte und somit mitverantwortlich für das gute Gelingen der spannenden Performance war.